Gewehre auf Reisen


Unter diesem witzigen Titel hat Leo Lania im Malik-Verlag zu Berlin ein kleines Büchlein erscheinen lassen, das den deutschen Waffenschmuggel der letzten Jahre auf Grund von Quellen ausführlich behandelt. Sie sind etwas dunkel, diese Quellen, obgleich es nicht grade Spelunken sind, wo derlei Geschäfte getätigt wurden. Der Krieg war verloren, das Rad, einmal im Schwung, lief leer weiter.

Seitdem man dem modernen Spießer die Tötungsmaschine zum Spielen gegeben hat, ist er nicht mehr zu halten. »Denn wer die Waffe hat, der schlägt die Wunde«, heißt es bei Karl Kraus. Wenn man nur ein Maschinengewehr besitzt: das Schußfeld wird sich schon finden. (Und es ethisch zu basieren, dazu sind Geistliche aller Konfessionen, Universitätsprofessoren, Erzieher, Journalisten, Volk und Knechte gern bereit.) Die unbestimmte Hoffnung, mit bewaffneten Haufen unbequeme Wirtschaftserscheinungen aus der Welt zu schaffen, Arbeitslosigkeit, Sehnsucht nach dem verantwortungslosen Abenteuer, das im Fall des Gelingens die Teilnehmer bei allen Ausschreitungen straflos hält: das ballte entlassene Offiziere, Nichtstuer, Schieber, Emigranten, unzufriedene Beamte, faulenzende Studenten zusammen. Ein wüster Waffenhandel begann.

Durch Lania lernt man Einzelheiten kennen. Er macht zunächst einmal mit den Persönlichkeiten bekannt: mit der Balzac-Figur des Herrn Rubinstein aus Charkow, mit dem Rittmeister Lustig, mit den Firmen, die teils Luftgeschäfte machten, teils wirklich Waffen handelten, darunter Namen von Klang und Reichweite: Geheimrat Hähn, Malchow in Mecklenburg; Geheimrat Meurer, Berlin (Spritzmetall A.-G.), große berliner Speditionsfirmen, die sich nicht scheuten, auch diese trüben Geschäfte zu betreiben; ein Herr Grucza aus Oppeln und ein Herr Kluge aus der Kleist-Straße in Berlin. Kommissarow nicht zu vergessen, der General Kommissarow, ein ganz besonders feiner Herr, der schon im Jahre 1909 die politischen Häftlinge Sibiriens von einem Fluchtversuch in die Polizeihölle prügelte. Auch er waffenhandelte ein bißchen für Deutschland und für Litauen. Sie sind alle, alle da, wenn es etwas zu verdienen gibt. Meisterhaft ist die Geschichte einer Messingschiebung aus Italien erzählt, und sie schließt so:

»Nun, an diesem einen Geschäft, an dieser mehrmonatigen erfolglosen Jagd nach dem Messing in Turin haben dreiundzwanzig Interessenten teilgenommenen. In Berlin allein. Rechtsanwälte, Literaten, Kaufleute, Agenten, Offiziere, Beamte. Einer hatte es vom andern erfahren, jeder hatte Beziehungen, Verbindungen, Ideen, brachte einflußreiche Persönlichkeiten mit, die wieder ihre Freunde und Bekannte mobilisierten. Dreiundzwanzig Leute, die viele Wochen lang nichts andres taten, als von einer ›Konferenz‹ zur andern laufen, telefonieren, Verträge entwerfen und – rechnen. Wieviel tausend Dollars werden wohl für mich dabei abfallen? Wie verteilt sich der Gewinn? Die Unmenge von Telefongesprächen! Von Briefen und Telegrammen! Das Papier, das da verschrieben wurde. Die Zeit, die Energie, die Mühe, die die dreiundzwanzig Menschen verpulverten! Ein Geschäft? Wie viele Hunderttausende solcher Geschäfte sind in Berlin in einem Monat des Jahres 1923 getätigt worden!«

Genau so war es. Und ist es vielleicht noch. Denn ehe die harten Notwendigkeiten der Wirtschaft die Leute in Deutschland zwingen werden, einzusehen, dass das eben kein Geschäft, kein produktives Wirken, überhaupt nichts ist, was der Rede wert wäre und irgendeinen Wert hat, sich unproduktiv und hemmend in den Gang der Waren einzuschalten und mühelos an einem Ding zu verdienen, dessen Produktion, Konsum, Art und Wesen man gar nicht kennt: bis dahin wird noch viel Zeit vergehn. Diese Tätigkeit mag mit viel Schufterei verbunden sein – mit Arbeit hat sie nichts zu tun.

Aber vielleicht liegt das tief in der menschlichen Natur begründet. Als einst Petersburg ganz von der Außenwelt abgeschlossen war, handelte man dort mit Konnossementen, die völlig wertlos geworden und gar nicht zu verwerten waren. Aber es wurde gehandelt, und das war wohl die Hauptsache.

Lanias Büchlein ist von der ersten bis zur letzten Zeile interessant.

Schon wegen der jämmerlichen Rolle, die die deutsche Justiz in diesem Waffenhandel spielt. Wie ahnungslos dieser Engel ist! Wie sie von nichts nicht wissen! Wie verdrossen und langsam Voruntersuchungen, Nachuntersuchungen, Verhöre und Vernehmungen vorgenommen werden, und wie nichts dabei herauskommt als die offenbare Erkenntnis, dass dieser Apparat wenig mit Recht zu tun hat. Wie sollte er auch! Die Angeschuldigten und die Richter und Staatsanwälte – es ist eine geistige Welt. Alles verstehen heißt: Alles verzeihen. Ob Herr Guernut, der Präsident der französischen Liga für Menschenrechte, diese innere Struktur Deutschlands, wie es wirklich ist, kennt, ist nicht ganz sicher. Herr Paul Nikolaus Cossmann kennt sie sicherlich. Aber der eine sucht aus reinem Herzen die Wahrheit, und der andre gibt die ›Süddeutschen Monatshefte‹ heraus.

Ob und inwieweit die Reichswehr an diesen Dingen beteiligt ist, läßt sich sehr schwer feststellen. Tatsache ist, dass die Ausführungsbestimmungen des Gesetzes zum Schutz der Republik eine Waffenansammlung dann nicht für ungesetzlich ansehen, wenn das zuständige Wehrkreiskommando vom Vorhandensein des Depots unterrichtet ist.

Die Frage ist nun: Was treiben die Leute eigentlich mit den Waffen? Sie handeln damit. Und zu welchem Ende? Zu einem blutigen Ende. Immer mit der stillen Hoffnung, es könne doch einmal eines Tages ›anders kommen‹; man werde doch einmal eines Tages wieder alles an die Wand stellen, an der man selbst nächtlicherweile zu andern Zwecken, das Deutschlandlied grölend, wankend steht; es »gehe eines Tages wieder los«, wie es in dem Gaunerjargon dieser Offiziere und ihrer Stellvertreter heißt.

Wann wird sich diese Gesinnung verlieren?

Der Waffenschieber sind weniger geworden, die Gesinnung ist geblieben. Es heißt keine Versöhnungspolitik treiben, wenn man diese eherne Tatsache verschweigt. Neuerdings wird von republikanischdemokratischer Seite, getreu nach dem Rezept des Meisters Stresemann, versucht, »Brücken zu schlagen«. Das macht man so, dass man der Reaktion täglich predigt: Wir sind gar nicht so schlimm, wie ihr glaubt. Auch mit uns lassen sich Geschäfte aller Art machen, läßt sich Klassenjustiz treiben, lassen sich neue Reichswehrformationen aufbauen. Nur alles ein bißchen leiser. Wir sind nicht so schlimm.

Es gibt keine Brücken.

Darauf hinzuweisen ist: eine neue geistige Bewegung, die stark genug wäre, das öffentliche und vor allem das private Leben praktisch zu beeinflussen, gibt es in Deutschland zur Zeit nicht. Die Republik hat keine Idee; sie ist schwächlich, nachgiebig, unsicher. Sie läßt alles Wichtige unangetastet, weil sie Angst hat. Unterdessen gehen die alten Gewehre auf neue Reisen.

Diese Idole sind herauszutrommeln. Es muß einer den Mut haben, zu sagen:

Eben diese alten Preußentugenden wollen wir nicht, eben das, was ihr als Größe ausgebt, nicht; diese Art Mannhaftigkeit nicht; diesen Staatsstolz nicht; diese Sorte Wiederaufbau nicht. Die deutschen Kaufleute fangen an, in den Ländern umherzureisen, und halten die Leute draußen ›wieder für vernünftig‹. Ich weiß nicht, auf welcher Seite die größere Vernunft gesteckt hat. Aber es ist gewiß, dass das Land in seiner jetzigen, völlig unveränderten Geistesverfassung wieder in eine Katastrophe hineintaumeln wird, genau wie im Jahre 1914: dummstolz, ahnungslos, mit flatternden Idealen und einem in den Landesfarben angestrichenen Brett vor dem Kopf. Dann gehen wieder Gewehre auf Reisen.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 16.10.1924, Nr. 42, S. 573.





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