Das Geheimnis des gelben Zimmers


Ich befinde mich augenblicklich ›im Felde‹, wie man zu sagen pflegt, und versehe meinen Dienst zur Zufriedenheit meiner Vorgesetzten und zu meiner eigenen, wie ich wohl behaupten darf. Und ich bin immer zu Diensten, immer dabei und bereit, zu tun, was man von mir verlangt. Aber heute vormittag habe ich in einem kleinen rostroten Büchelchen gelesen, den ganzen Vormittag lang, und ich habe nichts gehört, nichts gesehen, nichts gespürt. Ich war durchaus nicht in Kurland. Ich war anderswo, ganz und gar anderswo.

Gaston Leroux ... ! Das ist ein Banditenname, aber der Träger dieses Namens ist kein Bandit, sondern ein französischer Schriftsteller, ein Geschichtenschreiber, der mit Vorliebe verbrecherische Handlungen und deren Aufdeckung beschrieben hat, etwas, was man heutzutage Kriminalnovellen nennt. Dieser Gaston Leroux hat nun auch eine Geschichte geschrieben, die ›Das Geheimnis des gelben Zimmers‹ heißt, ins Deutsche ebenso steif wie unbeholfen übersetzt worden ist, und diese Geschichte ist es, die ich heute vormittag gelesen habe.

Es war furchtbar aufregend. »Am fünfundzwanzigsten Oktober 1892 erschien unter den ›Letzten Nachrichten‹ die folgende Notiz im ›Temps‹: Ein entsetzliches Verbrechen ... « Hier ließ ich schon das Buch sinken und versank in Träumereien. 1892 ... Meine geliebte Zeit! Zeit, die ich so geliebt habe, obgleich ich sie doch als denkender Mann gar nicht erlebte! Zeit der Puffärmel, der flotten Kohlezeichnungen, der ›Skandale‹, der kosmopolitischen Atmosphäre in Literatur, Kunst und kleiner Krämereipolitik, Zeit der Schleier, die halb übers Gesicht gezogen wurden, was besonders hochzeitsreisenden jungen Frauen gut stand ... 1892! Da war noch aufgärende Jugend und Begeisterung und Wut auf den Spießer, der noch nicht so gut verkleidet war wie heute und viel leichter zu erkennen ... da gab es noch so etwas wie eine richtige Bohème, nicht wie heute in der Oper, nein, richtig, auf dem spiegelnden Asphalt der großen Städte – aber das ist dahin.

» ... ein furchtbares Verbrechen ist im Glandier, an der Grenze des Sainte-Geneviève-Waldes ... « Und hier gings los.

Es handelte sich um einen Mordversuch an einer jungen Dame, Fräulein Stangerson, der Tochter des berühmten Professors Stangerson, weißt du? und es war ganz unerklärlich, wie der Täter aus dem gelben Zimmer des kleinen Pavillons herausgekommen war ... Der Untersuchungsrichter wußte es nicht, der alte Herr Stangerson wußte es nicht, der große Detektiv Frédéric Larsan wußte es auch nicht, niemand wußte es. Aber der kleine Reporter und Journalist Joseph Joséphin, genannt ›Rollkugel‹ (französisch: ›Rouletabille‹), genannt so wegen seines kugelrunden Kopfes, der kriegte es heraus. Der kriegte überhaupt alles heraus, und was und wie, das steht in dem Buche.

Die holzschnittartige Dämonie sitzt. Ich tue jetzt furchtbar überlegen; aber ich bin augenblicklich gar nicht imstande (Schach spiele ich nicht), mir über alle Einzelheiten Rechenschaft abzulegen; ich könnte gar nicht all die komplizierten Einzelheiten und Situationspläne nachprüfen oder mich unter der Ungeheuern Masse der Andeutungen, Tatsachen, Nebenumstände, Pläne herausfinden. Das würde auch viel zu viel Mühe machen. Es handelt sich nur um das einzigartige Vergnügen, so eine gemütliche Teufelshetze mitzumachen, alles hat seine Zeit, am meisten der Autor. Vor Seite 200 sagt ers nicht. Hier ist kein Verantwortlichkeitsgefühl, hier ist keine Lebensanschauung, hier wird nichts von mir verlangt, als dass ich zuhören soll. Aber gerne! Aber herzlich gerne!

Und ich höre zu. Ich bin im Vierzigpfennigfieber. Ich laufe wohl einmal mit ganz irren und leeren Augen vors Haus, wo die Wagen Holz abladen, aber in Wirklichkeit bin ich da, wo Joseph Rouletabille ist: im Glandier. Ach, wir haben es so schwer!

Denk einmal: es handelt sich um einen dieser Fälle, die durchaus nicht mit der Begehung der strafbaren Handlung abgeschlossen sind, sondern die Verbrecher pfuschen immer noch herum, noch während der Untersuchung haben sie die Kühnheit, ihren strafbaren Versuch zu wiederholen, die Untersuchung zu erschweren und der Arbeit der Polizei überhaupt die größten Schwierigkeiten in den Weg zu legen! Sie tauchen auf, verschwinden, sind wieder da, Unschuldige werden schuldig, Schurken entpuppen sich als Engel, ein Erdolchter wird erschossen ... um Gotteswillen! ich hetze von Seite zu Seite, und es kommt gar nichts heraus, keine neue Person, keine Spur – nichts.

Und wer ist der Täter?

Ja, das hättest du nicht gedacht: aber Joseph Joséphin, der schon damals »zur Zeit der Affäre der zerstückelten Frau in der rue Oberkampf – auch eine langvergessene Geschichte – dem Chefredakteur der ›Epoque‹ den noch fehlenden linken Fuß der Leiche gebracht hatte«, Joseph Rouletabille hatte es herausgebracht: Frédéric Larsan, der Detektiv, war der Täter. Frédéric Larsan war überhaupt nicht Frédéric Larsan, sondern – aber nun erschrick nicht! – er war Ballmeyer!! Ballmeyer ... . »brauche ich hier an die großen Taten Ballmeyers zu erinnern?« sagt das Buch. Natürlich nicht. Aber es führt sie doch an. Die ganze Seite 179 ist angefüllt mit den Betätigungen des p. Ballmeyer, die für die menschliche Gesellschaft nicht viel Anziehendes gehabt hatten, am wenigsten für die, die er ermordet hatte. Aber er konnte nicht nur töten. Er konnte auch Leben spenden ...

Das ist eine diffizile Geschichte. Du solltest es nicht glauben, aber vor zehn langen Jahren hat er dem schönen Fräulein Stangerson, die ins Elysée zum Empfang ging, grade der hatte er einen Sohn verursacht! Er hatte sie in Amerika geheiratet, der Schuft, unter einem gänzlich falschen Namen, und sie waren in einem Pfarrhaus zu Louisville sehr glücklich gewesen ... Und dann gab es einen Krach, die Geschichte flog auf, die Ehe auch, alles war zu Ende. Der Papa sollte und durfte von der Schande nichts wissen. Und erfuhr auch nichts.

Und da, nach zehn langen Jahren, kommt er wieder und begehrt dieselben Rechte wie früher! Er erhält sie nicht, denn man steht vor einer richtigen Heirat, weißt du? Und dann folgen eben die Straftaten.

Nun ja, die menschlichen Sympathien sind in diesem Buch sehr weise verteilt. Man möchte alle, Verbrecher, Publikum, Detektive, Autor und Verleger (nicht zuletzt das schöne Fräulein Stangerson) umarmen und ihnen danken, dass sie überhaupt da sind. Es ist so gemütlich.

Alles mögliche fällt mir noch ein: das kokette Zieren des Monsieur Leroux, die Geschichte zu erzählen (Joseph Rouletabille wollte es nicht), die hochdramatische Gerichtsverhandlung, das Liebespaar; sie, die Ehebrecherin, er, der Beau, nachts in einem alten Wachtturm ... »Als die beiden sich nichts mehr zu sagen hatten, verließen sie gemeinsam den Turm ... « Und die Geschichte mit dem Kneifer – mir wird noch jetzt ganz kalt, wenn ich daran denke. Und wie der Kerl, der alias Ballmeyer, die einstige Geliebte an die alte Zeit erinnert: »Das Pfarrhaus hat nichts von seinem Reize verloren, der Garten blüht in seiner alten Pracht!« schreibt er. Es tut einem sehr leid, dass das zu Ende ist – und man blickt in dunkle Gänge und halb geöffnete, nur angelehnte Türen – »da sahen wir deutlich, wie Fräulein Stangerson, während ihr Vater sich einen Augenblick bückte, um einen heruntergefallenen Gegenstand aufzuheben, den Inhalt eines Fläschchens in das Glas Herrn Stangersons goß«. Aha!

Und grade dass das Buch nicht so aufhört, wie Werke seiner Art sonst wohl – nein, so hört es gar nicht auf. Sondern ganz blümerant: der kleine Rouletabille hat da noch eine Geschichte auf der Pfanne, die Geschichte von dem ›Parfum der Dame in Schwarz‹ – aber er will nicht so recht damit heraus ... vielleicht ein neuer Band? Das wäre schön.

Bis dahin aber bin ich rettungslos verkitscht. Durch meine Träume singt es, und ich schnitt es gern in alle Rinden ein, und immer, immer hab ich es im Sinn.

Das Geheimnis und die paar Zeilen, durch die der Schuft Mathilden an das einstige Glück erinnerte, die er ihr schickte und die der Anfang waren von so viel Elend und Verbrechen und Tränen und Blut:

» ... Das Pfarrhaus winkt mit allem seinem Zauber,

Der Garten blüht in seiner alten Pracht!«

(Drehorgel ad libitum.)

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 29.03.1917, Nr. 13, S. 303.





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