Hej –!


Auf einem leeren Marktplatz stehst

du –

ganz allein:

die Häuser haben geflaggt, jedes trägt eine andre Fahne,

die Dächer sind schwarz vor Menschen;

eine wimmelnde Schlange ist rings um den Platz gepreßt.

Aus jedem Haus dringt Getöse, Blechmusik, Orgeln, wirres Rufen –

Und plötzlich

heben sich alle Arme, auf dich,

zehntausend ausgestreckte Zeigefinger, auf dich,

und ein Schrei steigt auf:

– »Hej!«

 

Was wollen sie von dir?

Was hast du getan?

Was sollst du tun?

So groß bist du doch gar nicht,

so bedeutend bist du doch gar nicht,

so wichtig bist du doch gar nicht ...

 

Eintreten sollst du – in eines dieser Häuser,

in welches, ist ihnen gleich –

aber in eines,

und darum rufen sie:

– »Hej!«

 

Da ist das katholische Haus:

Würdige Junggesellen halten, verkleidet, ein Buch in der Hand;

manche sind weise,

viele klug,

alle schlau.

Sie wollen dich,

sie wollen sich

und vergessen IHN.

Sie teilen eine Art Wahrheit aus;

sie kennen die Herzen aller,

sie ordnen Regeln an, für alle:

ein Warenhaus der Metaphysik.

Aber etwas Starres ist da,

ein Trübes,

und drohend steht das Kreuz gegen den Phallus –:

geh nicht hinein.

 

– »Hej!«

 

Da ist das Haus der Nationen.

Sture Gewaltmenschen

halten, kostümiert, einen Damaszenerdegen in der Hand,

An ihren Wänden hängen Bilder mittelalterlicher Kämpfe,

aber sie schießen mit Gas.

Fahnen über den Kaminen –

aber sie schießen mit Gas.

Sie wissen nicht, warum sie das tun,

sie müssen es tun;

ihr Wesen schreit nach Menschenfleisch,

nach der herrlichen, den Mann aufwühlenden Gewalt,

so liebt ihn die Frau,

so liebt er die Frau.

In ihnen ist nichts,

daher wollen sie außer sich sein –

und wann wäre man wohl so außer sich

wie bei der Zeugung und beim Mord!

Verwaltungsbeamte des Todes –:

geh nicht hinein.

 

– »Hej!«

 

Da ist das Haus der feinen Leute.

Die spielen, ab sechs Uhr abends:

mit der Polaritätsphilosophie,

mit Theaterpremieren,

mit den Symphonien,

mit der Malerei,

mit dem Charme,

mit dem Stil,

mit den Versen Verstorbener,

mit den Witzen Lebendiger –

und alles darfst du bei ihnen tun,

(solange es zu nichts verpflichtet),

alles, nur eines nicht:

Nicht die Geschäfte stören,

den Ernst des Lebens,

der da ist:

Geld verdienen mit dem Schweiß der andern;

regieren auf dem geduldigen Rücken der andern;

leben vom Mark der andern ...

Für die Sättigungspausen

haben sie einen Pojaz bestellt:

den Künstler.

Geh nicht hinein.

 

– »Hej!«

 

Da ist das russische Haus.

Du kennst es nicht genau.

Aber bist du reif für dieses Haus?

Ist dein Tadel:

ihre starre Dogmatik,

ihr Zeloteneifer, eine neue Kirche zu gründen,

ihr scharfer Haß gegen den Einzelnen

– aber Lenin war ein Einzelner –

ihre Affenliebe für alle, die alles heilen soll –:

ist dieser Tadel nicht deine verkappte Schwäche?

Auch sie: dieser Welt hingegeben

– erwarte nicht den Himmel von ihnen –

auch sie: Nationalisten,

freilich mit einer Idee;

auch sie: für den Krieg,

auch sie: erdgebunden;

das, was sie an die Amerikaner verhökern,

heißt nicht umsonst: Konzessionen ...

Bist du stark genug,

mitzuarbeiten am Werk?

Noch nicht –

geh noch nicht hinein.

 

– »Hej!«

 

Tausend Gruppen umbrüllen dich,

rufen nach dir,

preisen an die warme Heimat:

Herde. Sag: Hast du nicht Sehnsucht gehabt nach dem Stall,

nach dem warmen Stall, wo nicht nur die Krippe lockt,

– die Wiesen genügen –

nein: wo die tierische Wärme der Leiber ist,

das vertraute Muh und das Gemeinschaftsgefühl der Menschen?

Sie schrein:

In die Reihn!

In den Verein!

Sie schrein:

Die Zeit des einzelnen ist vorbei,

das trägt niemand mehr!

Freiwillige Bindung!

Schwächling! schrein sie; Einzelgänger! Unentschiedener!

Her zu uns!

Zur Ordnung! Zur Ordnung!

 

Über den Häusern

ragen die Wipfel

geduldiger Bäume.

Rauschend bewegen sie schäumende Kronen.

Zurück zur Natur?

Hingegeben an dämmernde Herbstabende,

wo die göttliche Klarheit

des bunten Tags

sich auflöst in weich-graue Nebel? Vergessen das Leid

der Millionen?

Und die Wirkung roten Weines

und eine Frau am Kamin

für die letzte Sprosse der göttlichen Weltordnung nehmen?

Frauen geben. Nimm. Aber erhoffe nichts.

Zurück zur Natur?

Bleib verwurzelt – aber geh nicht

mit der Laute zu ihr –:

Du gehst zurück ...

 

– »Hej!«

 

Da stehst du

und siehst um dich:

Die Rufer verschwimmen,

treten zurück ...

Du bist nicht allein!

Um dich

stehen Hunderttausende:

frierend wie du,

suchend wie du,

jeder allein, wie du,

Trost? Nein: Schicksal.

 

Bleib tapfer.

Bleib aufrecht.

Bleib du.

Hör immer den Schrei:

– »Hej!«

 

Laß dich nicht verlocken.

Geh deinen Weg. Es gibt so viele Wege.

 

Es gibt nur ein Ziel.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 29.10.1929, Nr. 44, S. 664.





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