Gebrauchslyrik


Vater, ich rufe dich!

Brüllend umdräut mich der Dampf der Geschütze!

Theodor Körner

 

Rauh hat das Schwert den alten Traum zerschlagen.

So lang bewahrt auf tiefstem Herzensgrund:

Geeint in Freiheit sollte Deutschland ragen,

Ein Bund des Volkes, nicht ein Fürstenbund!

Albert Traeger

 

Ob sie sich hinter Tarifverträgen verstecken.

Ob sie in Arbeitsgemeinschaften

mit unsern eigenen Organisationen

im Produktionsprozesse den Profit retten.

Mit unsern Bonzen Arm in Arm.

Oskar Kanehl


Es hat zu allen Zeiten eine Sorte Lyrik gegeben, bei der die Frage nach dem Kunstwert eine falsch gestellte Frage ist: ich möchte diese Verse ›Gebrauchs-Lyrik‹ nennen. Nur scheinbar hebt hier ein Begriff den andern auf.

Der politische, ethische oder religiöse Zweck benutzt, um auf die Massen zu wirken, die Formen der Kunst, deren nicht alltägliche Ausdrucksformen ihm sehr gelegen kommen. Die Wirkung soll sofort erfolgen, sie soll unmittelbar sein, ohne Umschweife – die These passiert also nicht die Kunst, sie wird nirgends sublimiert, sondern unmittelbar, in literarischer Maskerade, vorgeführt. Dergleichen hat nichts mit ›Tendenzkunst‹ zu tun, die das grade Gegenteil der Gebrauchslyrik ist: ein tendenziöses Gedicht ist ein Gedicht; die Verse der Gebrauchslyrik sind gereimtes oder rhythmisches Parteimanifest.

Junge Kommunisten haben mir gesagt, dass auf die deutschen Arbeiter die Verse Oskar Kanehls am meisten von allen revolutionären Versen wirkten, und nach Lektüre des Bandes ›Straße frei‹ (mit fünfzehn Zeichnungen von George Grosz, erschienen im Verlag Der Spartakusbund zu Berlin) kann ich mir das wohl denken. Alles, was Kanehl schreibt, ist glasklar in der Diktion, ohne weiteres verständlich, die Worte sind aus der Zeitung und dem täglichen Leben genommen, prägen sich leicht ein und kommen der Vorstellungswelt des Arbeiters weit entgegen.

Mit Kunst hat dergleichen etwa so viel zu tun wie die Verse Albert Traegers, jenes Vorkriegsliberalen, der, in der einen Hand ein Palladium, in der andern seinen im Winde wehenden Bart, jene Höhen erstürmte, auf denen Theodor Bäumer und Gertrud Heuss Flanell träumen, und tatsächlich hat Traeger genau so ›gedichtet‹, wie ein Oberbürgermeister redet, oder wie Külz denkt. Ich glaube nur, dass Kanehl und seine Zuhörer mit vollem Recht darauf pfeifen, ob diese Verse ästhetischen Ansprüchen genügen oder nicht. Eine literarische Prüfung solcher Gedichte liefe darauf hinaus, zu sagen: »Der Mann, der dort auf dem Marterbett angeschnallt ist, schreit eine Oktave zu hoch!« Man soll ihn losschnallen und seine Peiniger unschädlich machen – darauf kommt es an.

Um den Fall Kanehl zu beschließen:

Ich kann dieses Spiel nicht mitspielen, das darin besteht, jemandem Vorwürfe zu machen: er schreibe Verse für Proletarier und verdiene sich sein Geld als Regisseur an schlechten bürgerlichen Theatern. Auch die Kommunisten leben in einer kapitalistischen Welt; ein kommunistischer Steward ist sehr wohl denkbar und braucht keine lächerliche Figur zu sein. Ganz abgesehen davon, dass ja die meisten kommunistischen Arbeiter bei einem Kapitalisten arbeiten und durch einen Kapitalisten leben, wird man im allgemeinen diese Konstatierung der Diskrepanz zwischen Leben und Schaffen meist von verkrachten Literaten und nur sehr selten von Proletariern hören. »Er trägt einen Anzug nach Maß« – dieser Vorwurf ist auf keinem proletarischen Gehirn gewachsen, sondern bei schlechten Feuilletonredakteuren, die der kommunistischen Sache mehr schaden als alle Scheidemänner zusammen. Besser ein Anzug nach Maß als eine Gesinnung von der Stange.

Die Gesinnung Kanehls nun ist durch und durch rein; seine Verse durchaus und durchum auf den Gebrauch zugeschnitten, für den sie bestimmt sind. Manchmal rinnen die Zeilen ineinander, manchmal sind sie so einprägsam gearbeitet, dass sie fest haften bleiben.

Nur nicht in euern Kämpfen

fließt unser Blut.

Wir sind die

Bonzen, Bonzen, Bonzen.

Uns gehts gut.

Das sitzt. Oder:

Das Vaterland ist in Gefahr,

Was gehts uns an?

Er sagt, was ist, und er sagt denen, die darunter leiden, wie sie es ändern sollen. Zweierlei Fragen aber sind bei der Lektüre solch eines Bandes Gebrauchslyrik zu stellen.

Erhöht sich der propagandistische Wert dieser Arbeit, wenn ein Künstler sie tut?

Diese Frage ist nicht immer zu bejahen. Die ›Bildung‹, die der Klassenstaat dem Proletarier angedeihen läßt, sein Gesundheitszustand, die Zeit, die er überhaupt für Bücher übrig hat, setzen ihn nicht immer in die Lage, dem Künstler zu folgen. Es gibt Idealfälle, wo die stärkste künstlerische Formulierung zugleich die einfachste ist – das trifft nicht immer zu. Pathos ist für den Unverbildeten: Pathos, und er wirds immer verstehen und dumpf fühlen; Pathos liegt für den Ungebildeten sehr oft beim Gassenhauer mit umgekehrtem Vorzeichen; das ›Volk‹ singt gar nicht seine schönsten Schöpfungen, es singt nichts aus des ›Knaben Wunderhorn‹, sondern die opera operata wiener Operettenfabrikanten. Spricht aber einer direkt aus, was alle fühlen, indem er banale Worte rhythmisch da setzt, wo der Werkmeister etwa nur sagt: »Also, meine Ansicht ist ja nu – also ich stehe auf dem Standpunkt, dass dieser Streik nich dürf abjebrochen wern ... « so jubelt ihm das Volk zu. Der mit dem Sonett wird, mit Recht, in diesem Fall überhaupt nicht gehört werden – und was dazwischen liegt, ist Glückssache und Sache des Talents.

Welche Rolle hat, zweitens, in der proletarischen Bewegung einer zu spielen, der solche Verse schreibt?

Antwort: keine andere als die eines Helfers.

Damit wir uns auch recht verstehen: Oskar Kanehl etwa vorzuwerfen, er schreibe diese Gedichte aus ›Spekulation‹, wäre eine klare Verleumdung; der Mann hat sicherlich weiter nichts davon als Spott und Unannehmlichkeiten im Erwerbsleben und einen anonymen Ruhm, den er vermutlich geringer einschätzt, als die ihm am Herzen liegende Wirkung seiner Arbeit. Die Proletarier sollen keine Verse beklatschen, sondern sich eine Sache einprägen.

Ein solcher Intellektueller aber spielt, besonders bei der Kommißhaftigkeit vieler deutscher Kommunisten, unter der auch Kanehl schon gelitten haben muß, eine traurige Rolle. Wie ich glaube, nicht ganz ohne Schuld. Er erwartet nämlich zuviel.

Die proletarische Bewegung hat keine Zeit und keine Kraft, uns zu hätscheln. Wer ihr dienen will, der soll ihr dienen – aber so wenig er davon große Einkünfte erwarten kann und darf, so wenig hat er für sich eine Stellung zu beanspruchen, die ihn über den Proletarier erhebt, dessen Kamerad er doch grade sein will. Insbesondere halte ich den helfenden Intellektuellen dieser Gattung nicht für geeignet und legitimiert, den Arbeitern politischer Führer zu sein.

Es ist mehr als billig, den deutschen Proletariern heute Vorwürfe zu machen, sie hätten in der Revolution versagt. Man kann das beklagen, wie wir es hier oft getan haben – aber wir haben kein Recht, zu schelten, da bei dieser Gelegenheit die delikate Frage gestellt werden darf, wo denn die scheltenden Intellektuellen in den Januartagen des Jahres 1919 gewesen sind. Auf den Barrikaden in Lichtenberg? An den Straßenecken mit dem Revolver in der Hosentasche? Im Ruhrgebiet? Und später im mitteldeutschen Aufstand? Also haben sie zu schweigen, also haben wir in diesem Punkt zu schweigen.

In einer Kampfbewegung kann man sich nur durch zwei Dinge als Führer legitimieren: durch politische Einsicht von überragendem Maß oder durch Opfer. Lenin hat beides getan. Wer aber nur besser schreiben kann als ein Proletarier; wer nur dessen Schmerzen so ausdrücken kann, dass jener sie nun doppelt und dreifach als aktivistisches Stimulans fühlt; wer ein Mann der Formulierung und weniger der Tat ist, der biete seine Hilfe an, tue sein Werk und schweige. Führer sollen andere sein.

Ob und wie allerdings diese Hilfe angenommen wird, das ist für Deutschland ein trauriges Kapitel.

Ich sehe noch den Damenschneider Breitscheid auf einem Klubabend stehen und etwas gegen die ›Intellektuellen‹ in der Partei murmeln, der Stuhl, an dem er sich festhielt, bog sich vor Lachen. Um aber von ernsthaften Politikern zu sprechen:

Die deutschen Kommunisten sehen vielfach die gute Hilfe nicht, die ihnen von den Intellektuellen dargebracht werden kann, und sie haben eine seltsame Auswahl getroffen: sie sind durchsetzt mit schlechten, verkrachten, viertrangigen Intellektuellen, und die sind es, die gegen den Geistigen und das Geistige in der Partei wettern, die hartgebräunten Arbeitsmänner. Nun will ich mir ja gern von einem Grubenarbeiter, der sein Leben im mitteldeutschen Aufstand aufs Spiel gesetzt hat, sagen lassen, wofür ich tauge und nicht tauge –: aber jene Zwitter, die zwischen dem Volksschullehrer und dem entlaufenen Handwerksgesellen stehen, täten gut, fein stille zu sein. Wer zu schwächlich oder zu unfähig zur manuellen Arbeit ist, ist noch kein Intellektueller, und sehr viel mehr stellen viele unter ihnen nicht vor. Es sind gehemmte Maschinenschlosser. Das Motiv für ihr Verhalten ist in den meisten Fällen nichts als eine nur zu begründete Angst vor der Konkurrenz.

Die sozialdemokratische Partei hat in ihrer guten Zeit mit den Intellektuellen zusammengearbeitet, denn Eisner und Landauer und Jogiches und Liebknecht sind keine Metallarbeiter gewesen und haben sich auch niemals so kostümiert. Sie ist gut dabei gefahren, die Partei. In ihrer schlechten Zeit hat sie das getan, was heute so viele Kommunisten tun: sie hat die brauchbaren, anständigen und saubern Intellektuellen zurückgestoßen, sie wollte abstoßen, und sie tat es – und das Resultat war bei der SPD eine Versumpfung auf der ganzen Linie, die selbst den klaren Willen der großen Provinzopposition durch die geriebene Taktik ehrgeiziger verkrachter Studenten oder geölter Funktionäre glatt an die Wand spielt.

Sieht die KPD, die heute die Rolle der alten SPD in Deutschland spielt, nicht, was für Folgen die Verkafferung der ›Sozialverräter‹ gezeitigt hat?

Beabsichtigt die KPD, denselben Weg zu gehen? Soweit ich informiert bin, will keiner aus unserm Kreise einen Führerposten in der Partei haben, und wer ihn haben will, ist auf dem Holzwege. Aber helfen wollen wir – wobei denn die Befolgung der notwendigen Parteidisziplin zu fordern und auch zu bekommen ist. So aber stehen wir tatenlos herum; selber eine Partei zu gründen, scheint mir ein Fehler, denn aus Brennholz kann man keinen Ofen bauen, und unsere Kraft verrinnt in sehr vielen Fällen ungenutzt.

Ich halte einen Zusammenschluß der radikalen Intellektuellen mit der KPD für einen Segen und für ein Glück. Dazu gehört: auf unserer Seite der Sinn für Disziplin, für das stetige Arbeiten im Alltag und für politische gesunde Vernunft; dazu gehören auf der Parteiseite guter Wille, Einsicht in die Struktur dieses Landes, das nun einmal nicht Rußland heißt, und die Entfernung von Funktionären, die den Bodensatz dessen darstellen, was wir sind.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 27.11.1928, Nr. 48, S. 808.





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