Frommer Wunsch


Ich möchte einmal wohin kommen, wo nicht geklopft wird. Wenn ich später gefragt werde: »Wie war es auf Erden?« – ich müßte sagen: »Schön. Aber es wurde immerzu gehämmert; geklopft; gebosselt; gesägt; genagelt; ge- was weiß ich ... « Die Erde ist ein Planet, der kaputt ist; das Ding ist in ewiger Reparatur.

Zunächst wird überall gebaut. Wohnungen haben sie nirgends so viel, wie sie brauchen – aber es wird furchtbar gebaut. Es muß wohl so etwas wie eine Aktivität aus Schwäche geben, von der bei Nietzsche einiges zu lesen steht – jene neurasthenische Unfähigkeit, nicht nichthandeln zu können, reagieren zu müssen – auf diese Weise entstehen Warenhäuser, Heiraten und Kriege. Es wird mächtig gebaut auf dieser Erde, geändert, umgestaltet, ganz neu organisiert – es ist eigentlich der Normalzustand, dass um alles, was uns lieb und teuer ist, ein Bauzaun steht.

Als Paul Graetz einmal in Halle ein Gastspiel gab, da fuhr er mit einem Kollegen durch die Stadt, und an einer Stelle, wo viel Kinder und sich als Erwachsene ausgebende Kinder herumstanden, ließen sie ihren Wagen halten und stiegen aus. Graetz kann recht auffallend aussehen, wenn er will, und gleich sammelten sich viele Leute um die beiden Fremden. »Das hier«, sagte Paule recht laut und zeigte mit seinem Spazierstock durch die Gegend, ein ganzes Stadtviertel vage bezeichnend, »das hier kommt alles weg –!« Achtzig aufgerissene Augen richteten sich auf den Städtebaudiktator, und die ganze Straße stand auf dem Kopf, ein aufgerührter Ameisenhaufen. Und was das Schönste war: niemand zweifelte einen Augenblick daran, dass nun wirklich alles wegkäme – die Frage war nur noch, wann und warum und weswegen – aber das Schicksal selbst war nicht diskutierbar. Uns haben sie den Horizont mit einem Bauzaun vernagelt.

»Das ist eben das Leben, Herr Panter; das zeugende, sich ewig gebärende –«Mensch, sahre selbst: ist es nicht sehr oft nur Nervosität? Wenn zum Beispiel die Berliner einen neuen Laden aufmachen, dann reißen sie erst einmal das ganze Lokal von oben bis unten ein und bauen eine neue Tür und streichen neu an und kleistern sich eine kleine Privatfassade zusammen – »sie ziehen den Häusern neue Hosen an«, hat mir einmal ein Franzose gesagt; und der Kurfürstendamm ohne Bauzäune ... das wäre beinah so wie mittlere deutsche Stadt ohne Intendantenkrise. Es muß »gänzlich neu renoviert« werden.

Wenn aber nicht gebaut wird, dann wird ausgebessert. Oh, wie unvollkommen ist doch des Menschen Werk! –

Der Himmel zum Beispiel ist zur Zeit überfüllt –: da sitzen die Bauhandwerker. Die Hölle zum Beispiel ist zur Zeit überfüllt –: da sitzen die Bauhandwerker. Der Himmel, weil sie uns die Badewanne wieder in Ordnung gebracht haben, die Klingelleitung repariert, das Ding mit der Sicherung befummelt ... in der Hölle, weil sie ihr Werk taten wie Karl Valentin, wenn der den Handwerker macht: unendlich langsam, erst gar nicht kommend, dann – nach einem unfehlbaren Grundgesetz – sofort nach Beginn der Arbeit wieder weglaufend, um einen Hammer zu holen, sich so in ätherische Bestandteile auflösend ... im Fegefeuer sitzt der Konsument.

Der sich über vielerlei wundert:

Warum die Bauhandwerker so mäßig ausgebildet sind; warum sie, in viele kleine Unternehmungen zersplittert, arbeiten, was auf eben die Ausbildung, das Handwerkszeug, die Zeitersparnis böse zurückwirkt – und wenn der Kunde klug ist, dann sieht er noch etwas.

Es gibt überall viel Komfort fürs Auge. Es ist viel Schein – nur sehr große Unternehmungen können sich erlauben, auch wirklich alles funktionieren zu lassen, was da an den Wänden angebracht ist, denn sie haben einen ganzen Installateurtrupp zu ihrer Verfügung, aber schon in den Hotels, von den Wohnhäusern ganz zu schweigen, ist das nicht so. Ich will dem Rundfunk Lessings gesammelte Werke schenken, wenn ich jemals in ein Hotel komme, wo alles funktioniert; die Frage ist immer nur, was entzwei ist: die Badewanne oder die Klingel oder eine Lampe oder der Ausguß oder die Tuhlette; Verfasser von Reisebüchern und Verfertiger von Koffern und die Bauhandwerker möchte man manchmal gern bei sich haben, um ihnen zu zeigen, was sie da gekocht ... Für kranke Gegenstände sind wenig Ärzte da und viel Pfuscher.

Kennst du keinen Fleck Erde, wo nicht geklopft wird? Es gibt ihn nicht. Die Nachbarschaft hallt wider von den Schlägen eines hämmernden Mannes – ich frage ... »Da kommt was hin!« sagen die Leute; Staub steigt auf und Balken prasseln, ich frage ... »Da kommt was weg!« sagen die Leute; Niethämmer rattern, Schweißmaschinen zischen, Schienen werden verschleppt und Dämme werden aufgerissen; die Hamburger tun so und die Berliner und die Kölner und die Mannheimer; die Kisuaheli-Indianer reißen das Strohdach der Häuptlingshütte ein und decken es mit Pappe und neuerer deutscher Literatur wieder zu – sie haben alle so viel zu tun ... Im Jahre 1983 liege ich in der Urne und träume. Da reißt jemand den Deckel herunter, ein hartes Gesicht beugt sich über die Öffnung, und eine scharfe Stimme sagt: »Jehn Se mah hier raus! Das kommt hier alles weg!«

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 21.04.1929, Nr. 188.





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