Frohe Erwartung


Vater Wrangel, jener alte gute

General von Anno dazumal,

zog beim Klange einer Aufstands-Tute

aus Berlin, weil man es so befahl.

Und sie drohten ihm sein Haus zu sengen,

seine Frau Gemahlin zu erhängen,

bis er dann zu großem Gram

der Rebellen wiederkam.

Heftig blasend ritt man durch die Linden,

voller Sehnsucht, seine Frau zu finden.

Weich und lind entfuhrs dem alten Knaben:

»Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?«

 

Nimmer will mich dieses Wort verlassen.

Heut noch lebt die alte Reaktion.

Heute noch ist sie so schwer zu fassen –

Brennglas, der versuchte es ja schon.

So viel Jahre steck ich schon im Kriege,

denke an die Panke meiner Wiege,

an mein Preußen, an Berlin

und die Junker von Malchin.

Nie vergeß ich in dem fremden Lande

Mutter Reaktion und ihre Schande.

Voller Hoffnung sinn ich oft im Graben:

»Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?«

 

Da zu Haus, bei Vatern auf dem Boden,

liegt ein großes buntes Fahnentuch,

mitten im Gerümpel der Kommoden,

in dem Schummer voller Staubgeruch ...

Und beim Urlaub sagte mir der Alte,

oben hängt er durch die Bodenspalte

seine Fahne in den Wind,

wenn wir erst zu Hause sind.

Das war Fünfzehn. Und bei jedem frischen

Wechsel an den deutschen grünen Tischen

bitt ich um die schönste aller Gaben:

»Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?«

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 10.10.1918, Nr. 41, S. 344,

wieder in: Fromme Gesänge.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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