Freier Funk! Freier Film!


Der Kampf gegen die Zensur darf nicht aufhören.

Rudolf Arnheim hat hier neulich gefragt: »Soll das demokratische Prinzip publizistischer Meinungsfreiheit unbegrenzt gelten, oder muß dem Staat das Recht gegeben werden, Feindliches und Schädliches zu unterdrücken?«

Einem Staat kann nur dann das Recht eingeräumt werden, Zensur auszuüben, wenn er überhaupt weiß, was er will. Das heißt: eine der Voraussetzungen für eine Zensur, die von uns zu billigen wäre, ist die eines festen, beim Zensierenden vorhandenen Weltbildes. Davon kann in Deutschland keine Rede sein.

Der katholische Staat des Mittelalters konnte in religiösen Dingen das Recht zur Zensur für sich verlangen; denn sein Weltbild war fest konturiert. Es war das der katholischen Kirche. Die hat zwar schon zu manchem ihren Segen gegeben, denn sie ist lieber dabei, als dass sie verflucht – doch war damals das katholische Weltbild wohlgefügt; Pflichten und Freiheiten, Erlaubtes und Sündhaftes standen ziemlich fest, und der Zensor hatte, was kein deutscher Zensor von heute für sich in Anspruch nehmen kann, einen ethischen Original-Meter, mit dem er messen konnte.

Die Russen haben ein festes Weltbild statuiert; sie zensieren also nach dem, was dort proletarisches Interesse heißt, und das ist nach den marxistisch-leninistischen Lehren ziemlich genau feststellbar; es sollte das wenigstens sein.

Bei den Italienern liegt es schon schwieriger; Faschismus ist Selbstzweck.

Was in Deutschland getrieben wird, ist eine dreiste Anmaßung vermuffter Bürgerkreise, die gern das Interesse eines Beamtentums mit dem Deutschlands gleichstellen. Davon ist keine Rede.

Deutschland wackelt nicht, wenn einer die Reichswehr angreift. Nicht der »hergelaufene Mongolenwenzel« Hitler ist Deutschland; nicht seine Horden allein sind es; die Großgrundbesitzer allein sind es nicht; nicht die Militärbeamten Groeners allein sind es – keine dieser Gruppen ist es allein. Sie alle zusammen sind Deutschland – und die andern sind auch noch da.

Wie verlogen und zutiefst unehrlich diese Zensur ist, geht vor allem daraus hervor, dass sie sich niemals in demselben Umfang an das gedruckte Erzeugnis wagt wie an den Film und an den Rundfunk, die heute so gut wie wertlos sind, weil sie nicht frei sind.

Daß in rechtlicher Beziehung die Verbreitung durch Rundfunk und Film keine andre ist als die durch die Druckerpresse, steht fest. Es ist zum Beispiel nach dem Urheberrecht strafbar, ein noch nicht gedrucktes Manuskript gegen und ohne den Willen des Verfassers zu verbreiten – der Verbreiter wäre gleichermaßen strafbar, wenn er das Manuskript in Satz gäbe und als Buch verkaufte, wenn er es am Rundfunk vorläse oder wenn er es zu einem Film verarbeitete. Darüber herrscht kein Zweifel.

Ganz anders aber sieht die Sache aus, wenn zensiert wird.

Der Rundfunk ist niemals frei gewesen. Der Film kam unter Zensur, als er die Jahrmarkts-Sphäre verlassen wollte – die Zensur hat ihn wieder hinuntergestoßen. Die alten Ideen des Obrigkeitsstaates besagten: Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben. Und nicht nur die Religion – auch sonst jede Illusion. Zunächst einmal ist alles verboten. Nachher erlauben wir manches. Während es genau umgekehrt zu sein hat:

Alles, was nicht unmittelbar gegen berechtigte öffentliche Interessen verstößt, sei frei. Nur der Rest bleibe verboten.

Ja, soll man denn ... ? Man soll. Die bestehenden Strafgesetze aller Kulturländer genügen vollauf, um das zu verhindern, was auch jeder anständige Geistige verhindert haben will:

Erregung öffentlichen Ärgernisses; Beschimpfung; Beleidigung; Verleumdung ... kurz alles, was man eben auf diesem Wege anrichten kann. Was aber keinesfalls zu dulden ist, das ist die freche Anmaßung kleinerer Bürgerkreise, ihre zufällig vorhandenen geistigen Anschauungen zum Maß aller Dinge zu machen. Jeder Minister hat das Recht, sich über Abtreibung, Homosexualität, Pazifismus, Rußland, Güterverteilung seine Meinung zu bilden und sie zu vertreten. Unsre Bibliothek aber stellen wir uns gern anders zusammen; aus der unendlichen Mannigfaltigkeit des Bestehenden suchen wir uns das heraus, was uns gemäß ist.

Und hier zeigt sich nun die ganze Schwäche jedes Versuchs, auch des russischen, ein eng gefügtes Weltbild zu statuieren: jeder Vertreter solches Zwanges hindert den ihm Unterworfenen, sich eine freie Meinung zu bilden. Er läßt die Gegenargumente gar nicht erst an ihn heran.

Wieweit das in Rußland nötig ist, soll hier nicht untersucht werden. Die Russen können immerhin darauf verweisen, dass ihre Lebensanschauung eine generelle ist, und dass sie, ausgehend von dem großen Gebäude einer Philosophie, auf alle Fragen eine Antwort parat haben.

Der deutschte Staatsbegriff hat das nicht. Er ist ein Flickenwerk; ein ewiges Kompromiß; ein vages Gefüge aus tastenden Rückwärtsbewegungen und jenem Gedanken, der überhaupt keiner ist: Wir müssen sein, damit wir sind.

Welche Sittlichkeitsanschauungen werden in unsern Filmen erlaubt? Welche im Rundfunk? Wenn man genauer hinsieht, eigentlich nur solche, die keine Substanz mehr haben. Der geringste Widerspruch gegen irgend etwas führt zur Zensur. Von allen nur denkbaren Widersprüchen ist einer ausgenommen: der der arbeitenden Klasse. Der interessiert nicht.

Man muß uns erlauben, Kunstleistungen dieser Art für null und nichtig zu erklären; es ist ein Wunder, wenn hier und da einmal etwas Brauchbares stehn bleibt.

Sinnlos ist es, was hier getrieben wird. Man stelle sich vor, es gäbe nur eine Zeitung in Deutschland, und man stelle sich vor, diese Zeitung werde von der Regierung herausgegeben – möchtet ihr die lesen? Ich nicht. Es ist aber beim besten Willen nicht einzusehn, warum nicht jeder im Rundfunk seine politische, seine ethische Meinung ausdrücken darf – politisch neutral will der Rundfunk sein, ist es natürlich nicht, und er kann das auch gar nicht sein, denn das gibt es nicht.

Dagegen könnte er überparteilich sein.

Warum soll nicht ein Film laufen, der den Krieg verherrlicht? Damit, dass man ihn verbietet, ist nichts getan. Man lasse nur einen genau so entschiedenen pazifistischen Film laufen, der zeigt, wie im Ackergraben verreckt wird und für wen; der die bekannten Generale zeigt und den unbekannten Soldaten! Man lasse antikapitalistische Filme laufen und solche, die von den IG-Farben finanziert sind. Man zeige schwarz und weiß, blau und rot.

Warum soll Hitler nicht im Rundfunk sprechen? Natürlich nur dann, wenn man Thälmann sprechen läßt – paritätisch gehts schon. Wobei, wie bei jeder Demokratie, der Gedanke auftaucht, wie denn das nun ist: Muß sich die Demokratie gefallen lassen, dass jemand ihre Meinungsfreiheit benutzt, um sie zu unterdrücken? Meiner Ansicht nach muß sie das nicht – aber soweit sind wir noch gar nicht. Vielmehr: Wir sind schon viel weiter – denn sie hat es sich wonneschauernd gefallen lassen und geht daran auch rechtens zugrunde.

Film und Funk unterliegen der Zensur und noch dazu dieser gefährlichen, weil stillen Zensur vor allem deshalb, weil jene auf neuen Erfindungen beruhn. Mit den Büchern ist das schon schwerer; da hallen noch die alten Kampfrufe nach: Pressefreiheit! Fort mit der Buchzensur ... ! und so besteht denn wenigstens die Aussicht, dass diese und jene Wahrheit gedruckt werden kann. Gefilmt und gefunkt werden kann sie nicht – die Wege sind verbaut.

Daß der Ruf nach der Pressefreiheit keinen Sinn mehr hat, weiß ich; die ›Einflußnahme‹ auf die Presse ist so groß ...

Im Film und im Funk herrscht eine verhältnismäßig kleine Schicht; eben jene, die sich bedroht fühlt, wenn man die Zensur angreift. Und so, wie die Güterverteilung der Welt zugunsten einiger Hunderttausend vor sich geht, so wird diese Zensur für den Ungeist und die Borniertheit von ein paar Millionen gemacht, die jedesmal die Frechheit haben, sich für ›das Land‹ auszugeben. Sie sind es nicht.

Uns interessieren die sittlichen Anschauungen der Zensoren überhaupt nicht; es hat sie keiner danach gefragt. Und ich halte es für vergebliche Liebesmühe, diese Männer zu beeinflussen oder aber ein wenig verständigere an ihre Stelle zu setzen. Sie müssen fort.

Angst hat sie auf ihre Plätze gesetzt.

Jedes Land ist eine große Kinderstube. Wenn ich wissen will, was Deutschland in militärischer Hinsicht treibt, muß ich die französische Presse lesen, wobei übrigens das groteske ist, dass der Bezug dieser französischen Blätter in Deutschland erlaubt ist – erst ihre Übersetzung führt zu Eingriffen. Wenn sie nur die Masse nicht liest! Wenn nur die Masse keine ›deutschabträglichen‹ Filme sieht! Wenn nur die Masse nichts am Rundfunk hört ... !

Dieselbe Masse, die dann angerufen wird, wenn es zum Krieg geht. Dann ist sie gut genug, in den Kampf zu ziehn. Für eine Sache, die sie nicht kennt.

Aber sie wissen zu lassen, was eigentlich gespielt wird; sie vorher zu unterrichten, was auf der Welt wirklich vor sich geht – dazu langts nicht. Die Zensur wacht.

Jede, jede, jede Zensur ist vom Übel. So erzieht man kein Volk. Was haben die Bildungsbonzen der SPD zusammen geheulmeiert, als das Schmutz- und Schundgesetz mit ihrer Hilfe durchging! Falsch ist das, kleinbürgerlich und dumm.

Gebt die Filmleinwand frei! Gebt den Ätherraum frei!

Sie werden euch was. Denn wo blieben dann die Religionen, und wo bliebe vor allem der Patriotismus, wenn die Leute wüßten, was los ist!

Die Zensur ist der Schutz der Wenigen gegen die Vielen.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 03.05.1932, Nr. 18, S. 660.





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