Franz Oppenheimer, ›Erlebtes. Erstrebtes. Erreichtes‹


Bliebe als vorletztes ein merkwürdiges Ding von einem Buch. ›Erlebtes. Erstrebtes. Erreichtes‹ von Franz Oppenheimer (erschienen im Welt-Verlag zu Berlin). Ganz so schlimm, wie ich es mir nach dem Vorabdruck gedacht habe, ist es nicht geworden – aber peinlich ist es immer noch. Es bleibe gänzlich außer Betracht, was dieser Nationalökonom in seinem Fach bedeutet, das steht auf andern Blättern. Er gibt hier seine Lebensgeschichte.

Dieser Mann – und nur deshalb bespreche ich das Buch – besitzt in höchstem Maße etwas, was ich die ›indirekte Eitelkeit‹ nennen möchte.

Er sagt, außerhalb seines Faches, niemals: Ich bin ein großer Mann, ich bin ein fabelhafter Kerl, – wenigstens sagt er das nicht direkt. Aber er hat auf allen seinen Freunden Reflektoren angebracht, die ihn beleuchten, und er hat nur bedeutende Freunde. Kennt ihr solche Menschen, die ununterbrochen im Munde führen: »Mein Freund Leopold, einer der größten Halsärzte Frankfurts ... «? Andre als größte kennt diese Sorte gar nicht. Was in das Lichtfeld von Oppenheimers Leben tritt, ist: der bedeutendste, der größte, der bekannte, der beste, der schönste ... merkwürdig. Von diesen Schwänen aber mag ein gut Teil Gänse sein. Ich habe diese Art von Eitelkeit schon öfters angetroffen. Hermann Bahr hatte sie im höchsten Grade; Rathenau, in einer andern Kulör, auch, nur war der zu kalt, um mit seiner Eitelkeit Menschen zu begnaden, er spiegelte sich in Sachen. Es ist jene Eitelkeit, die den eignen Freundeskreis lächerlich aufbläht und seine Bedeutung auf das unsinnigste überschätzt. Wenn nun eines dieser Privat-Genies auch außerhalb des Kreises nur einen kleinen Erfolg hat, so nuckeln alle mit dem Kopf: »Na natürlich. Das haben wir ja immer gewußt. Unser Anton ... aber das ist doch ein Genie, wußten Sie das nicht?« Und dann wird auch der mittlere Erfolg des Herrn Anton vergrößert und aufgepustet und bis an die Wolken gehoben; sie können sich gar nicht lassen vor Entzücken, dass einer der ihren nun wirklich Privatdozent ist oder Regierungsrat, oder dass er einen Orden bekommen hat ... sie machen aus Serienfabrikaten handwerkliche Prachtstücke. Und es ist alles nicht wahr.

Eine facettierte Eitelkeit, von Oppenheimer bis herunter zu den weiblichen wiener Schmöcken, es ist immer dieselbe: »Ich kann Ihnen in Oslo meinen Freund Gunnar empfehlen, das ist der bedeutendste norwegische Journalist.« Und dann bist du in Oslo, und dann ist Herr Gunnar ein braver und brauchbarer Mann, wie zehn andre auch. Oppenheimer ist ein Narziß, der sich in Menschen spiegelt.

Er hat also den Krieg erlebt. »Ich war dicht daran, mich als alter Alpinist bei einem Alpenkorps zu melden. Aber ich war damals zwanzig Jahre aus aller Praxis heraus (Oppenheimer ist früher Arzt gewesen) und hätte mindestens einige Monate auf Wiederholungskurse verwenden müssen, um nicht mehr Schaden als Nutzen zu stiften; denn ich hätte selbstverständlich die Leitung eines Lazaretts übernehmen müssen.« Warum? Warum hätte er nicht in bescheidener Weise wie hunderttausend andre mitmachen können? Dann hätte ihm der ganze Krieg keinen Spaß gemacht.

So ging er damals umher, verfertigte Denkschriften, machte sich, wie er angibt, nützlich, und, wie er nicht angibt, recht wichtig, und das Ganze ist und bleibt peinlich. Bis zu diesen letzten Kapiteln kann man nicht sagen, dass dieser ehemals aktive Burschenschafter so etwas wie das Kreuz seines Judentums mit sich schleppe – aber dann schleppt ers eben doch. »Zur Rechten Hindenburgs saß der greise General, der den Liebesgabenzug hergebracht hatte, zu seiner Linken ich als der Altere von uns beiden, mir zur Linken Ludendorff und an dessen Seite mein Kollege Bodenheimer. Mir gegenüber saß ein Herzog von Sachsen, ganz unten an der langen Tafel der jüngste Prinz von Preußen unter den Leutnants.« O du seliger Untertan.

Kommt hinzu, dass diese gradezu groteske Eitelkeit eigentümliche Wellen schlägt. Der Mann spricht immer von »seinem« Berlin; »mein Freiburg«, sagt er, »mein Liliencron« und einmal sogar, von der Erfindung: »mein elektrisches Licht«. Er erinnert in manchem an diese geblähten Privatdozenten aus Heidelberg oder Göttingen; wenn man denen zuhört, wundert man sich immer, dass es überhaupt noch so etwas wie ein Welträtsel gibt, es ist doch alles schon längst gelöst, nämlich von dem Betreffenden, oder von seinem Freund oder eben von ›seinem Kreis‹, Und dann kommst du hin, und dann ist es gar nichts oder wenig, und die Welt pfeift auf Göttingen und auf Heidelberg, und es ist, wie Salomo sagt, alles eitel.





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