Expertise


vom Kunstsachverständigen Geheimrat

Professor Dr. Kaspar Hauser

Für Jan Altenburg

 

Die mir vorgelegten Bilder sind zweifellos Original-Imitationen echter Fälschungen von Van Gogh beziehungsweise seiner Frau.

Das geht schon aus den Farben hervor sowie auch aus den Valeurs. Während die Valeurs in der Jugendzeit des Sammlers diesen einen sogenannten »Schmarrn« angingen, hatte der Sammler während der Blütezeit der Kreugerschen Bildkunst keine andern Sorgen als die Valeurs der ältern italienischen Schule sowie der neuem italienischen Obligationen (gedruckt in Stockholm).

Die Bilder sind also auch falsch. Echt sind, wie so häufig im Kunsthandel, die Preise – diese sind sogar ganz echt. Es ist unfaßlich, wie Kollege Regard de Lunettes (Paris) zusammen mit Mister Twinkle-Eyes (London) diese Bilder auch nur einen Augenblick lang hat für echt halten können. Die Bilder sind echt, also falsch.

Die Bilder müssen echt sein, denn ich habe mich persönlich auf eines der Bilder (Windmühle im Nordatlantischen Ozean) gesetzt und bin kleben geblieben, nämlich beim Kauf. Die Farben dieses Bildes sind so frisch wie die Bildung eines bessern Kunsthändlers.

Die Bilder müssen daher falsch sein, denn wie schon Geheimrat Justi gesagt hat, wird auf ihnen zu wenig gerungen: es fehlt eben der Ausdruck des Ringens des Künstlers mit seinem Motiv. Kein echter Maler wird mit seinem Motiv, und sei dieses ein Akt, das Ringen unterlassen. Van Gogh war überhaupt ein falscher Maler, also ist Justi echt.

Die in Frage kommenden offenbar doppelt gefälschten Fälschungen sind nicht einheitlich gemalt; sie haben etwas Zweischläfriges an sich. Ich verpflichte mich, wenn ich nur zusehe, wie Van Gogh seine Bilder malt, diese Bilder als unbedingt echt zu erkennen, wobei allerdings der Fall berücksichtigt werden muß, dass Van Gogh mitunter sich selbst kopiert hat, statt andre zu kopieren. Das lag an seinem Geisteszustand: wie pathologisch dieser beschaffen gewesen sein muß, geht ja schon daraus hervor, dass Van Gogh ganz geringe Preise für seine Bilder erzielt hat.

Infolgedessen sind die Bilder echt. Ich befasse mich seit dem Jahre 1372 mit Van Gogh, mein Badezimmer hängt voller angezweifelter Schultze-Naumburgs, und ich kann nur sagen, dass ich noch in den total falschen Bildern einen Geisteshauch der damaligen Börsenkonstellation gefunden habe: die Bilder machen einen durchaus festen Eindruck, gehören also einer vergangenen Epoche an.

Infolgedessen sind die Bilder falsch. Van Gogh hat im ganzen rund zirka 476 Bilder gemalt; davon hängen in der Schweiz 481 – die übrigen sind in deutschem Besitz. Bereits die Prüfung der Fingerabdrücke aller Kunstsachverständigen ergibt, dass keiner von diesen Herren vorbestraft ist. Eine Prüfung der Fälschungen durch das mailänder Blindenheim hat zu überraschenden Ergebnissen geführt; die Expertisen stimmten genau mit denen der hier geladenen Sachverständigen überein.

Infolgedessen sind die Bilder echt. Nur eins weist recht trübe Farben auf (Veilchenfeld bei Gewitter). Das Bild ist von Van Gogh gemalt worden, als er genau fünfzig Jahre alt war; doch dürfte es sich hier um einen sogenannten falschen Fünfziger handeln.

Infolgedessen sind die Bilder falsch. Ein Tauber kann sehn, was an den Wänden der meisten Kunstsammlungen hängt: das normale Van Gogh-Bild ist eine Kreuzung von einem Spiegel und einer Aktie. Bilder werden um so niedriger gehängt, je höher sie stehen; Kunstsachverständige werden leider selten richtig gehängt.

Der Fälscher hat mehrere seiner Bilder an Laien verschenkt. Es ist und bleibt unerfindlich, was dieser mehr als eigentümliche Schritt eigentlich bezweckt hat. Seit wann geht die Kunst das große Publikum an?

Denn Kritik und Expertise, Sachverständigentum und wahre Sammlerleidenschaft – sie alle hören nur auf eines: auf die Stimme des Herzens, den Kunsthändler und das Gemurmel einer Museumskantine. Und das ist auch alles richtig so. Denn wenn man nicht weiß, was ein Bild kostet: wie kann man dann wissen, was ein Bild wert ist –?

PS. Ich bemerke in letzter Minute, dass ich mich geirrt habe. Die Bilder sind in der Tat echt.

NB. In allerletzter Minute: die Bilder sind so falsch, wie echte Bilder nur sein können.

 

Neues vom Tage

Der Vorsitzende in dem Prozeß um die Van Gogh-Bilder hat die dienstliche Gestellung eines Würfelbechers beantragt.

Damit dürfte der Streit wohl auf eine für alle befriedigende und vor allem wissenschaftliche Weise beigelegt werden.

 

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 26.04.1932, Nr. 17, S. 633.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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