Erich Kästner, ›Ein Mann gibt Auskunft‹


Erich Kästner ›Ein Mann gibt Auskunft‹ (erschienen bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart und Berlin). Es sollte einmal jemand auf den Spuren des großen Literaturhistorikers Josef Nadler wandelnd das Sächsische in der deutschen Literatur untersuchen – aber ohne Grinsen. Man vergesse nicht, dass Richard Wagner, mit Grinsen, ein Sachse gewesen ist, und daß, sehr ernsthaft gesagt, Lessing aus Camenz stammt, und auch dieser Ort gehört zu Sachsen. Kästner ist aus Dresden. Nun, er hat gar nichts vom Bliemchen-Kaffee, aber wenn sich einer gegen seine Umgebung aufbäumt, dann fällt das in New York und in Dresden verschieden aus, weil die Umgebungen eben verschieden sind. Ich vermeine, manchmal in Kästner das Sächsische zu spüren – eine gewisse Enge der Opposition, eine kaum fühlbare, aber doch vernehmliche Kleinlichkeit, eine Art Geiz ... Er weicht dem Olymp sehr geschickt aus – ich weiß nicht, wie sein Himmel aussieht. Vielleicht hat er keinen, weil er fürchtet, er sei dann vom sächsischen Böcklin: von Klinger? Kästner ist ehrlich, sauber, nur scheint mir manchmal die Skala nicht sehr weit, und er macht es sich gewiß nicht leicht. Er hats aber leicht. Man vergleiche hierzu etwa so ein Gedicht wie ›Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag‹ ... das ist reinlich und gut gemeint, doch da langt es nicht. Da pfeift einer, im Sturm, bei Windstärke 11 ein Liedchen.

Demgegenüber stehen nicht nur prachtvolle politische Satiren wie ›Die andere Möglichkeit‹, ein Gedicht, das ihm die deutschen Nationalisten heute noch nicht verziehen haben, weil es die Zeile enthält: »Wenn wir den Krieg gewonnen hätten« mit dem Schluß: »Zum Glück gewannen wir ihn nicht«. Oder ›Primaner in Uniform‹, ein famoser Hieb gegen die chauvinistischen Pauker.

Der Band führt darüber hinaus, ins Dichterische, in echte Lyrik. Da ist in ›Verzweiflung Nr. 1‹ ein kleiner Junge, der sein Einholegeld verliert. Er weint zu Hause, die Eltern trösten ihn, und da steht:

 

Sein Schmerz war größer als ihre Liebe

 

– also, das lasse ich mir gefallen. Oder das bezaubernde ›Gefährliche Lokal‹ mit dem morgensternschen Schluß »Als ich zurückkam, sah ich, dass ich schlief«. Und dann – mein Lieblingsgedicht –: ›Ein gutes Mädchen träumt‹. Das könnte von Hebbel konzipiert sein, wenn der es auch anders formuliert hätte. Sehr bezeichnend für Kästner, dass mit keiner Silbe etwas für jenes träumende Mädchen gesagt wird, die da träumt; der ihrige schickt sie immer wieder, immer, immer wieder treppauf, treppab: »Du hast das Buch vergessen.« Ich glaube: Kästner hat Angst vor dem Gefühl. Er ist nicht gefühllos; er hat Angst vor dem Gefühl, weil er es so oft in Form der schmierigsten Sentimentalität gesehen hat. Aber über den Leierkastenklängen gibt es ja doch ein: Ich liebe dich – es gehört nur eine ungeheure Kraft dazu, dergleichen hinzuschreiben. Und da sehe ich einen Bruch, einen Sprung, ist das sächsisch? Wir haben bei diesem Wort so dumme Assoziationen, die meine ich nicht. Langt es? Langt es nicht?

Was immer zu bejahen ist, ist seine völlige Ehrlichkeit. Wo er nicht weiß, da sagt er: Ich weiß nicht. Das Gedicht ›Kurt Schmidt, statt einer Ballade‹ haben ihm Proletarier übelgenommen, weil es mit einem Selbstmord endet – das Gedicht stand bei uns, und ich habe merkwürdige Briefe bekommen. Der ›Kurzgefaßte Lebenslauf‹ ist ehrlich; es ist auch ehrlich, in dem unsereinem aufs Fell geschriebenen Gedicht ›Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?‹ zu sagen, dass wir ein Weltbild nicht aus dem Boden stampfen können und zunächst nur wissen: Also dieses da nicht. Alles das ist blitzsauber. Formal wird es immer besser; manchmal dürfte die Form etwas abwechslungsreicher sein. Kästner wird viel nachgeahmt; es gehört wenig dazu, ihn nachzuahmen. Ich wünsche ihm ein leichtes Leben und eine schwere Kunst.

»Eins kann ich dir sagen: wenn du jetzt nicht das Licht ausmachst ... dann stehe ich auf und lasse mir ein andres Zimmer geben.« O Gott, o Gott. Dies ist wirklich ... »Was ist wirklich?« – Das ist wirklich eine wilde Ehe. Ich liege doch meinem Berufe ob! »Lieg ihm am Tage ob.« Gewisse Berufe werden nur nachts ausgeübt. »Ach, es ist schrecklich.« Zu denken, dass es Leute gibt, die dreißig Jahre lang in demselben Schlafzimmer ...





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