Du!


Eine Zeitlang sagte die junge deutsche Literatur: Du. Zu den Dienstmädchen, zu den Zuaven, zu den Antilopen an der Tränke – zu toten Dingen selbst: Werfel war Ehrenvorsitzender des Verbandes geplatzter Lokomotivkessel, und der ganze Kosmos hatte zu den Verlegern die schönsten Beziehungen.

Du! Wer sagt noch: Du? Liebende sagen einander: Du – und Nicht-Liebende wie Familienmitglieder –, das patriarchalische Du aber, das des Meisters zum Arbeiter, ist fast geschwunden. An Stelle der Seele (mit Ausbeutung) ist die Sozialversicherung (mit Ausbeutung) getreten. Der Fabrikant siezt den Arbeiter und sagt zu ihm: »Ich setze Ihnen den Lohn herunter!« Und das ist auch ein Fortschritt.

Es gibt aber eine Situation, wo die Stützen der Gesellschaft auch den schlichtesten Arbeiter mit dem leutseligen Du beehren: das ist die Verhaftung. Wenn die Polizei oder gar die andre bewaffnete Macht einen am Genick hat, dann duzt sie ihn. Und wie!

Von »Gehen Sie auseinander!« bis: »Dir Schwein soll ich woll mit dem Kolben in die Fresse schlagen!« ist nur ein Schritt. Jenes ertönt allerdings in der Öffentlichkeit, dieses in der trauten Wache oder – noch schlimmer – in der Kasernenstube. Alle Berichte heben das hervor: der viel zu wenig genannte aus dem Jahre 1848, wo die Garde an der Spree ihre Opfer die lange Charlottenburger Chaussee hinaufprügelte, bis zu den entsetzlichen Aussagen in Gumbels Büchern. Vor Gericht gehört dergleichen ›nicht zur Sache‹. Im Gegensatz zu unsern Richtern, die leider zur Sache gehören.

Übrigens ist das international. Als im französischen Kommune-Aufstand Millière erschossen wurde, riefen ihm die Offiziere des weißen Schreckens nach: »Na los! Halt mal 'ne Rede!« Bei wesentlichen Dingen soll man sich Du sagen.

Aber trotzdem möchte ich mich von den Herren Ebert oder Ludendorff nicht duzen lassen – sie pflegen uns mit ›Ihr‹ anzureden, worum sie niemand gebeten hat –, und es wäre nur zu wünschen, dass eine gewandelte Nation zu dem nächsten Minister, der eine Wehrpflicht beantragte, spräche: Gehaben Sie sich wohl!

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 19.06.1924, Nr. 25, S. 867.





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