Die dritte Kugel


Ludwig Thoma hat einmal auf Wilhelm Raabe das Wort ›Kachelofenwärme‹ geprägt, und das gibt auch am besten wieder, was uns an dem Alten so sehr reizt. Die Herren von heute haben weniger Zeit, weniger Behaglichkeit und sind meist so pressiert, dass sie mit ihren atemlosen Geschichten schon immer fertig sind, ehe der Braunschweiger auch nur die Einleitung fertiggestellt hätte. Wo, seit meinen Jugendtagen, habe ich solche Sätze wieder gelesen? »Der Alvarado schrie auf und starrte den Cortez totenbleich und voll Entsetzen an, aber der Cortez hatte jetzt eine Truhe ergriffen und leerte sie aus, dass die goldenen Ringe über den ganzen Damm hin hüpften und tanzten, und mit dem Fuß stieß er eine Tonne um, aus der sogleich goldene und silberne Schüsseln klirrend ins Wasser liefen.« Nirgends habe ich das mehr gelesen, und wenn Leo Perutz nicht ›Die dritte Kugel‹ (im Verlag Albert Langen zu München) geschrieben hätte, auch heute noch nicht.

Das ist ein hübsches Buch. So eins, das man, wenns draußen furchtbar regnet, mit einem Teller Knackmandeln neben sich, tot für die Umwelt, verschlingt, mit der einen Hand blättert man um, mit der zweiten stopft man sich langsam eine Knackmandel nach der andern in den Mund ...

Es dreht sich um die Abenteuer eines verschlagenen deutschen Fürsten in der Neuen Welt, und alles Wilde, was geschieht und geschehen ist, hat deshalb einen so wehmütigen Klang, weil es sich nicht vor unsern Augen und Ohren begibt, sondern in der Erinnerung an dem Manne noch einmal vorbeizieht: er hört, wie ein spanischer Reiter neben seinem Zelt den aufhorchenden Musketieren das wirre und krause Zeug erzählt, das die Lebensgeschichte eines alten Mannes, seine Schlußgeschichte, ausmacht.

Der Ton erinnert – wie wohltuend! – ein wenig an manche historische Novellen Raabes, an ›Gedelöcke‹ etwa oder an die ›Schwarze Galeere‹ – das altertümliche Deutsch ist nicht philologisch gerecht, sondern nur andeutend durchgeführt, aber das macht nichts, im Gegenteil! Es ist eine wilde Geschichte, mit vielen wundervollen Einzelheiten, und was daran Literatur ist, das gibt sich so anspruchsvoll und bescheiden, dass man den Dichter über dem Gedichteten vergißt, und das ist schließlich die Hauptsache.

Wer aber wissen will, wie Cortez die Indios wirklich unterworfen und gemordet hat, und wie der große Goldschatz umkam, und wie sie den Teufel beschwörten, ›und was dann weiter geschah‹ – der verlustiere sich mit diesem wunderhübschen Büchelchen, das wie ein schöner alter Holzschnitt herübergrüßt aus den Tagen, wo alles noch so simpel war und einfach: aus der Knabenzeit.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 05.06.1919, Nr. 24, S. 662.





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