Drei neue Bücher


Verbunden durch den Gleichklang der Melodien erklingen diese drei Bücher im sanftem Trio. Wenn das Wort nicht kompromittiert wäre, so laßt sie uns Weihnachtsbücher nennen: leise tönt das, was das Jahr über schwieg, betäubt wurde ...

Am stärksten bei Max Brod, in seinem Buch: »Die Höhe des Gefühls« (1913, Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig). Und hierin am stärksten, am reinsten in der Szene, die für Franz Werfel geschrieben ist: die Szene im Dorf. Unvergeßlich, wenn wie eine feine Flötenstimme die nachtwandelnde Bauerstochter anhebt:

Bin ich eine Fee

Oder eine Seele,

Daß ich aus den Kissen

In den Mond gerissen

Über Schindeln geh,

Keinen Schritt verfehle?

...

Daß die Gans nichts wittert,

Daß der Hund nicht belle,

Hab ich sie gefüttert.

Und wie dazu die rauhe Stimme des trunkenen Bauernsohnes hörbar wird und die milden Reflexionen des Städters, eines Weltfreundes, – das ist herrlich. Volksliedmäßiges taucht auf:

Wird mich jetzt der Kaiser wollen,

Muß ich zu den Landesschützen,

Wird mir hinter sieben Bergen

In Trient kein Seufzer nützen.

(Nur noch einmal so schön in Brods »Lied des Stubenmädchens im Hotel«:

Ich muß früh um fünf Uhr aufstehen,

Da ist es noch kalk.

Meinen Schatz hab ich in Przemysl stehen

Bei der Festungsartillerie.

Inzwischen macht mich das Arbeiten müd und alt

Und er vergißt mich bald.)

Die Szene im Dorf also ist vollendet schön, und es wäre zu wünschen, dass sie uns recht oft gesprochen und vielleicht einmal vorgeführt wird: ganz naiv klingend, piano, verhallend ... mit einer feinen, wechselnden Musik.

Gleichfalls ein Prager: Franz Kafka. Sein Erstlingswerk: »Betrachtung« (1913, Ernst Rowohlt, Leipzig) zeigt noch Einflüsse, – aber da ist schon sehr viel Neues. Es gibt nur noch einen, der diese singende Prosa schreiben kann: Robert Walser. Wie ist das hier: Kafkas »Ausflug ins Gebirge«. Ein Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter Niemand. »Wie sich diese Niemand aneinander drängen, diese vielen quer gestreckten und eingehängten Arme, diese vielen Füße, durch winzige Schritte getrennt! Versteht sich, dass alle in Frack sind. Wir gehen so la la, der Wind fährt durch die Lücken, die wir und unsere Gliedmaßen offen lassen. Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, dass wir nicht singen.« Eine Fülle guter Einzelbeobachtungen enthält das Buch. Es ist ein bißchen Laforgue, und der Franzose hätte es überschrieben: Beklagung des Junggesellen, und Kafka sagt: » ... sich im Aussehen und Benehmen nach ein oder zwei Junggesellen der Jugenderinnerungen auszubilden.« Es ist Melodie in dem, was er sagt, und wenn sich über die Berechtigung solcher Literaten streiten läßt, so bestimmt das nicht über das große Können Kafkas. Am schönsten der Shakespearesche Schluß von »Kinder auf der Landstraße«: »Ich strebte zu der Stadt im Süden hin, von der es in unserem Dorfe hieß:

›Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht!‹

›Und warum denn nicht?‹

›Weil sie nicht müde werden.‹

›Und warum denn nicht?‹

›Weil sie Narren sind.‹

›Werden denn Narren nicht müde?‹

›Wie könnten Narren müde werden!‹«

Hier scheint mir der Weg zu liegen, der zum Parnaß führt: so etwas ist tief und mit den feinfühligsten Fingern gemacht.

Ein junger berliner Literat, Ernst Blaß, hat seine längst bekannten, aber zerstreuten Gedichte zu einem Band vereinigt. »Die Straße komme ich entlang geweht« (Heidelberg 1912, Verlag von Richard von Weißbach). Die Literaten werden wissen aus den Zeitschriften, aus den Gedichten, aus den Aufsätzen von ihm und über ihn, was er ist. Aber ich denke mir so oft, man müsse einmal keinen vom Fach, sondern einen Unbefangenen vor dieses Buch setzen. Vielleicht würde er es lieben. Gewiß, er würde viele dieser Gedichte lesen und manche sogar auswendig können. Wie schön ist das: »Dezembermarsch«. Er erinnert sich eines verstorbenen Kameraden.

Ein Fahrrad führte oft die Hände dein.

Mein Leben kann noch viele Stunden währen.

Ich halte das für den ehrlichsten Ausdruck von Trauer, den ich kenne. Trauer hat so leicht etwas Verlogenes, weil die Zurückbleibenden nie aussprechen, dass sie sich kräftig als Zurückbleibende empfinden. Aber hier ist das: Mein Leben kann noch viele Stunden währen. Darin ist noch leise Trauer, aber zugleich ein (wie es im Vorwort heißt) träumerisches Reagieren »auf das Ganze dieses Daseins, weil dieses Chaos so voll von Hinreißendem ist, und, aus einiger Ferne gesehn, als etwas in seiner Art Einziges blüht« ... Und an einer anderen Stelle: » ... das ganze Sternschnuppenhafte einer Menschenexistenz, diese Einmaligkeit, das Umwogtsein – und das Stürzen und die Lust und die Melodei –.« Es ist umgekehrt proportioniert wie in den anderen Lyrikbüchern: hier ist ein klein wenig Kopf und zu wenig das andere. (Das andere, das ist nicht Gemüt, Kitsch ... Man könnte es vielleicht mit Kurt Hiller Magie nennen.) Das sind die Höhepunkte: Abendstimmung, Sonntagnachmittag, Vormittag.

Und in allem ist Rhythmus, ein leiser Unterton, nicht Faßbares; und eine Inkarnation des Ernst Blaß sind diese Zeilen:

Im Schatten setzt du dich auf eine Bank;

Die ist schon morsch; – auch du bist etwas krank –

Du tastest heiter, dass ihr nicht ein Bein birst.

Und fühlst auf deinem Herzen deine Uhr,

Und träumst von einer schimmernden Figur

Und dieses auch: dass du einst nicht mehr sein wirst.

Und wenn dieser feine, zarte Mund einmal nicht mehr nötig haben wird, eine Kampffanfare zu sein, – noch schmettert das Vorwort ein Trompetensignal – dann! dann! –

 

 

Kurt Tucholsky

Prager Tageblatt, 27.01.1913, Nr. 26, S. 6.





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