Dosio Koffler, ›Wilhelm II.‹


Soweit rechts. Von links: ›Wilhelm II.‹. Ein Film von Dosio Koffler (erschienen im Lucifer-Verlag in Berlin). Keine Sorge – dieser Film wird nie gespielt werden, der Autor weiß es. Denn das Kino ist eine Kleinkinderbewahranstalt, beaufsichtigt von Brillen, Stiftsdamen und einer Industrie, die niemals etwas gegen das Kapital spielen läßt. Das wäre ein Filmchen! Manches ist allzu eng nach Heinrich Manns ›Untertan‹ gearbeitet, so die Stelle auf Seite 29, wo sich der Untertan Willi und der Kaiser ansehn; manches ist weder filmisch noch gut, wie etwa die szenische Anmerkung: »Holsteins Amtsstube. Man hat das Gefühl dumpfer Hehlerluft.« Nee, eben nicht! Wie, glauben Sie, hats in dem Büro ausgesehn? Wie in jedem andern auch. Sehr gut ist der Abmarsch Wilhelms des Schicksalslosen über die holländische Grenze – ich hoffe, darüber das Nötige in einem Nekrolog sagen zu können. (Taktlos? Ich kann mich nicht besinnen, Herr Zwischenrufer, so zarter Rücksichtnahme bei der viehischen Ermordung Liebknechts begegnet zu sein. Taktlos? Wer geht denn mit uns sanft um?) In einem Nekrolog will ichs sagen. Den der liebe Gott noch lange hinausschieben möge, lang lebe der König! Denn dieser Mann kann gar nicht spät genug sterben; je später, um so unbeachteter wird er dahingehn. Sein Tod wird in seinem Leben das einzige sein, das er mit Napoleon gemeinsam hat: auch dessen Tod war, nach Talleyrand, kein Ereignis, er war eine Nachricht.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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