Die Stadt des Noch


Schlimmer als im Kriege setzte nach dem Jahr 1918 eine geistige und wirtschaftliche Blockade Deutschlands ein, die dessen Einwohner völlig vom Ausland abschloß. Seit der Erschaffung der Rentenmark reist der Deutsche wieder und sieht mit erstaunten Augen in die fremde Welt. In eine veränderte? Das ist schwer zu sagen, bevor man nicht den Vergleichspunkt fixiert hat. Die einen vergleichen mit Deutschland vor dem Kriege, die anderen mit Deutschland nach dem Kriege, die dritten mit dem fremden Land vor zehn Jahren ... So gehts nicht.

Aber weil wir, durch politische Umstände veranlaßt, in Deutschland es so schwer haben, das Ausland ruhig und objektiv zu sehen, mag einmal eine kurze Betrachtung über Paris am Platze sein.

Wenn man Paris fern von aller Politik betrachtet, so verfällt man zunächst in zwei Fehler. Man nimmt es zuerst für eine romantische Stadt, man ist geneigt, überall Apachen und Grisetten und was weiß ich sonst noch zu sehen; in jeder Kneipe eine pikante Höhle des Lasters, in jedem harmlosen Mädchen eine Demimondäne oder Viertelmondaine, in jedem Varietétänzer eine Offenbarung, in jedem Rennen den großen Preis von Longchamp. Nach einer Weile legt sich das. Leicht desillusioniert und leise enttäuscht kehrt der fremde Wanderer zu der Betrachtung zurück: die Welt ist heute durch die Zivilisation derart egalisiert, dass auch Paris davon keine Ausnahme macht, was Paris kann, können wir auch, und mit der ganzen Stadt ist es nicht weit her. Beide Betrachtungsweisen sind falsch.

Ich möchte nicht sagen, dass es mir in Paris so gegangen ist. Ich wollte nur schildern, in welcher Weise viele Landsleute die Stadt sehen, und dass sie sie nicht richtig sehen. Meiner Meinung nach versteht man Paris nicht, wenn man nicht einen ganz wichtigen Punkt berücksichtigt. Paris ist die Stadt des Noch.

Es gibt heute zwei große Gebiete des Schon auf der Erde: Rußland und Nordamerika. Das eine in geistiger, das andere in zivilisatorischer Hinsicht. Wenn Europa eine Uhr ist, so ist Paris darin die Unruhe, oder sie ist es doch zum mindesten gewesen. Die Unruhe nennt der Uhrmacher merkwürdigerweise jene Vorrichtung, die den plötzlichen ruckartigen Ablauf der Uhrspirale verhindert; ohne sie erschöpfte sich die Spannkraft des Werks in einer Sekunde, mit ihr hält sie vierundzwanzig Stunden und länger an.

Was kommen wird, weiß niemand. Es war aber bis jetzt so:

Paris nahm nicht, Paris gab. Es gab den Naturalismus, es gab den Impressionismus, es gab viele Dinge, von denen es selbst nicht einmal immer Gebrauch machte. Es ist das seltsamste Beispiel einer belebten Konservativität, eines mobilen Beharrungsvermögens, einer lebenden Festigkeit, die erstarrt.

Die humanistische Tradition des deutschen Gymnasiums ist eine tote Sache – die klassische Tradition der französischen Kunst eine lebendige. Die krampfhaften Versuche der Länder des europäischen Kontinents (nicht Englands), eine Gesellschaftstradition zu schaffen, glückte nur in einzelnen Schichten: bei den österreichischen Aristokraten der habsburgischen Monarchie, in hamburgischen Kaufmannskreisen, hier und da sonst noch. Im großen und ganzen glückte der Versuch niemals – in Frankreich ist es kein Versuch geblieben, sondern immer eine Vollendung gewesen. Aber: noch ... Dem Franzosen fehlt völlig die Relativitätskomponente im täglichen Leben.

Daher dieser rührende Ernst, mit dem man noch an Dingen hängt, die bei uns zerdacht sind: an literarischen Preisverteilungen, an Kritiken, an Theateraufführungen und auch wieder an Diners und geselligen Zusammenkünften, an Festlichkeiten und den Freuden des Tages. Sie glauben noch daran. Zu ihrem Heil glauben sie noch daran. Sie kritisieren wohl mitunter den Gang des Verfahrens, aber sie lassen die entscheidende Instanz außer Diskussion. Anderswo hat man sich nicht damit begnügt, im einzelnen zu kritisieren, sondern man ist gleich mit der entscheidenden Instanz abgefahren und läßt nun überhaupt nichts mehr gelten. Der Franzose läßt gelten.

Bei der völligen Freiheit des Geistes, bei einer himmlischen Leichtigkeit in den Lebensformen sind Rang und Gesellschaftsordnung, Kräfte und Positionen im geistigen Verkehr ganz stabilisiert. Das Meer bewegt sich, die Leuchttürme stehen fest. Die große Weltmüdigkeit hat hier nur die obersten intellektuellen Spitzen ergriffen, bei den anderen hat es sich noch nicht herumgesprochen. Das hat seine Vorteile und seine Nachteile.

Seine Nachteile:

Es ist schwer, einem, der etwa mit Thesen aus La Fontaines Fabeln kämpft, klarzumachen, dass diese Thesen keine Gültigkeit mehr haben; dass wir mit Molière nicht mehr recht etwas anfangen können; dass eine gewisse Gartenarchitektur des sechzehnten Jahrhunderts uns außer dem Historischen nichts mehr sagt. Keine Geltung? Der Franzose wird Sie kopfschüttelnd ansehen. So blickt vielleicht einer, dem mitgeteilt wird, er solle sich mit seinem gesamten Aktienbesitz das Badezimmer tapezieren. Keine Geltung? Aber wir sprechen doch von Racine ...

Das hat seine Nachteile, weil es der tiefsten Neigung des Franzosen entgegenkommt oder vielleicht aus ihr hervorgegangen ist: den Fremden zu sich kommen zu lassen, ihm Gastrecht zu gewähren, ihn freundlich zu betrachten, ihn höflich zu beklatschen und Ihm zu erlauben, sich soviel Französisches nach Hause zu nehmen, wie er nur mag. Zu einer Wechselwirkung kommt es nicht. Und das hat seine Nachteile, weil fremde Auflehnung so immer nur als Auflehnung gegen Prinzipien empfunden wird, an die sich niemand heranwagt, weil sie jeder im Blut hat. Und das ist echte Tradition. Man glaubt nicht, wie weit Paris von Moskau entfernt ist. Und daher kommt es auch, dass der Franzose nicht reist. Die Welt kommt zu ihm.

Dieses Festhalten an der Tradition hat seine Vorteile:

Die geradezu ungeheuerliche Hilfe, die jeder, ausnahmslos jeder Franzose am ganzen Lande hat, einfach dadurch, dass er dazugehört. Der Künstler braucht sich keine Form zu erfinden; er findet sie vor und hat sie nur weiterzubilden. Der Sprecher und Denker spricht und denkt vor einem Auditorium, das feststeht, niemals amorph ist, und das er nur zu studieren braucht, um auf ihm wie auf einem Instrument zu spielen. Daher die so häufige, fast rätselhaft erscheinende Erfolglosigkeit französischer »Schlager« in der Übersetzung und Übertragung in fremden Ländern. Aber in Paris hatte es doch solchen Erfolg! Es hatte den Erfolg eines Hochzeitskarmens: die Familie bildet die Tafelrunde und verstand jede Anzüglichkeit. Draußen verpufft es.

Tradition: Daher das stete Anknüpfen an das, was einmal gewesen ist. Daher auch nicht jene kindische Unsitte, jemand für »passe« zu halten, nur weil er über fünfzig Jahre alt ist; daher eine Ehrfurcht vor dem Alter. (Das verpflichtet allerdings wiederum die Alten, nicht so rasch zu vertrotteln, nicht zu verkalken, sondern ihrerseits jung zu bleiben.)

Es ist sehr schwer, diesem Satz, den ich jetzt sagen will, die richtige Färbung zu geben, damit er auch nicht im leisesten ironisch oder kritisierend klinge, denn dann sagte er eine Unwahrheit aus. Aber es ist doch so, dass ich oft genug in Paris das Gefühl hatte, mit Menschen aus dem Jahre 1880 zu sprechen, in des Wortes bester Bedeutung. Dabei ist auch hier Krieg gewesen, und man darf ja nicht sagen, dass sich Frankreich nicht geändert habe. Es hat sich geändert. Aber es ist doch ein Land des Noch geblieben.

So wie wir als Kinder den Wechsel der Mahlzeiten, Kaffee, Mittag und Abendessen, Ferien und das Weihnachtsfest empfunden haben, unerschütterliche Naturvorgänge von ewiger Geltung – so wird hier noch die Welt empfunden. Uns macht es heute nichts mehr aus, morgens warm zu essen, und aus irgendeinem Grunde dann den ganzen Tag gar nichts mehr; das Weihnachtsfest überhaupt nicht zu feiern, unseren Urlaub in den Januar zu legen. Für ein Kind wäre das unvorstellbar. Und so unvorstellbar ist für den Franzosen ein Wechsel seines Gefühls.

Die drei Cafés voller Literaten, die entweder aus dem Elsaß oder aus Rußland stammen, zählen natürlich nicht. Die geschäftige Ohnmacht, die frühunreife Kindlichkeit, mit »Dada« und »Supernaturalismus« zum höchsten Ehrgeiz dieser kümmerlichen Bohemiens aufzusteigen: zur Reklamenotiz in der Zeitung – alles das ist »chichi«, oder wie der Berliner sagt: fauler Zauber.

Paris aber ist die Stadt des Noch. Noch verkaufen die Gemüsehändler in den langen Arbeiterstraßen im Süden und Südwesten der Stadt ihre Waren farbenfroh einem bunten Gewimmel, das den kleinsten Kleinverkehr liebt; noch lesen die Schulkinder, was Generationen vor ihnen gelesen haben; noch feiert und trauert Familie und Staat, wie man hier immer gefeiert und getrauert hat.

Das Land ist stabil. Wie lange noch –?

Hoffentlich noch recht lange.

 

 

Peter Panter

Das blaue Heft, 15.11.1924, Nr. 4, S. 82.





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