Die Parole


In Berlin ist das so:

Diese Stadt hat das Kollektivinteresse erfunden. Alle interessieren sich immer zu gleicher Zeit für ein und dieselbe Sache. Neugier, Klatsch und Telefongespräch zittern im selben Rhythmus; die Setzmaschinen fetter Zeitungszeilen werden vom selben Motor getrieben, latente, ewig auf der Lauer liegende Spannung lagert sich uniform um jeweils ein einziges Objekt. Berlin gibt immer eine Parole aus.

Alle vier Wochen haben sie etwas Neues im Kopf, aber das beschäftigt sie ausschließlich. Daneben gibt es dann nichts. Eine der vielen Charakteristika für die Provinzhaftigkeit der Stadt, die Frank Harris sehr treffend »Das Weltdorf« nennt, ist eben dies, dass alle immer von einer Sache besessen sind. Die pumpen sie dann künstlich hoch, blasen sie auf, schwelgen in konstruierter Wichtigkeit. »Grock? Haben Sie schon Grock gesehn? Na, faabelhaft! Wir waren schon dreimal da –!« Vorher waren es Paul Whiteman, Josephine Baker, die Polizeiausstellung, heute ist es der Diktator und Herr André Germain, und für morgen werden sie sich schon etwas Neues ausknobeln.

Die tiefe Unsicherheit gewisser berliner Typen, die um Gottes willen auch nicht um eine Nasenlänge hinter dem garantiert Modernsten zurückbleiben wollen, denen beim Lauf um das Arriviertsein die Zunge aus dem Maule hängt – wie kläglich ist das mit anzusehn! Und noch, wenn sie nach Tibet reisen, so tun sies vor allem in dem wonnevollen Gefühl, dass die Konkurrenz noch nicht da war, und Konkurrenz ist jeder. Nur nicht hinten liegen! Nur immer dabei sein!

Das ruht nicht in sich gefestigt. Das hat keinen Mittelpunkt und weiß noch nicht, dass das wahre Kennzeichen eines Weltstädters gelassene Indifferenz ist. Der Durchschnittspariser etwa ist, äußerlich betrachtet, in seinen Alltagsgewohnheiten ein Kleinstädter, aber er fällt vor einem chinesischen Attaché nicht auf den Bauch, und kommt ein Fremder, so hat der erst sich und seinen Wert zu legitimieren. Das führt beim Franzosen mitunter zu übergroßer Selbstgenügsamkeit und zu einer freiwilligen Begrenzung, die die Klügern im Lande tadelnd beklagen. Aber wie viel sympathischer ist sie als die jappende Angst der berliner Snobs – ich auch! ich auch! –, ja nicht zu spät zu kommen. Und weil diese Stadt nun einmal nicht an den großen Straßen der Welt liegt, so macht sie sich Sensationen, wenn sie keine hat. Ihr klarer und unbeirrbarer Verstand läßt sich auf die Dauer nicht bluffen, das ist wahr. Aber das Geheul und Getobe um Mittelmäßigkeiten, um die Affen der Zahlenden, die für ihr Geld auf alle Fälle ein dickes Erlebnis verlangen, ist eine lächerliche Sache, besonders, weils alle vier Wochen wechselt. Da ist zunächst der Fremde. Zur Zeit wird Französisch getragen.

Es ist gewiß schön und gut, wenn Franzosen die deutsche Hauptstadt besuchen, und wenn alles getan wird, um ein vernünftiges Verhältnis mit einem Nachbar herzustellen, dessen wohlwollende Neutralität man ebenso braucht wie seine Flugzeugmotoren. Aber wie kindlich wird dabei verfahren: welche maßlosen Übertreibungen! welche snobistischen Frühstücke! welches Blähen mit der mehr oder minder ramponierten französischen Grammatik! Wer die letzten französischen Errungenschaften der berliner Salons von Paris her kennt, wer weiß, wie die vernünftigen Franzosen ihren Modeliteraten genau die Stellung geben, die ihnen angemessen ist, der wird nicht verkennen, dass die geistige Mutter Berlins Breslau heißt. Dieser politisch gänzlich einflußlose Internationalismus steht auf derselben Stufe wie das patriotische Brotkartengeschrei der großen Zeit, und er ist, ein dummes Gesellschaftsspiel, nicht einmal pazifistisch auswertbar.

Logiert grade kein mittelmäßiger französischer Schriftsteller im Adlon, so schafft sich die Feuilletonleserschaft andre Berühmtheiten. Mit denen kann man zusammen sein, die kann man näher kennenlernen; die eigne Bedeutung schwillt erheblich, wenn man daneben gestanden hat, und so rentieren sich Auslagen und Mühe, die der neue Stern reichlich zurückgibt. Ein Clown oder eine Tänzerin, ein Film oder ein Inder, eine Ministersfrau, die Salon macht, oder ein gerissner Jobber. Da genügt irgendeine kleine hervorstechende Eigenschaft, mäßige Qualitäten, gefällig aufgemacht; fällt einmal das Jupiterlicht des berliner Ruhms auf das Bild, dann zischen in allen Zeitungen die Scheinwerfer auf, und, geblendet und überrascht, niedergeschmettert von so viel Konjunktur, steht der neue Mann oder die neue Frau im Rund der Arena.

Meist gehts nicht gut aus.

Der Halbjahrsruhm macht sie betrunken. Sie schwanken unter der Last der Popularität und liefern bald Schluderarbeit. Wozu auch mehr? Sie werden bezahlt und überzahlt. Lächelnd sehen sie, wie alte ergraute Leute an die eigne Generation, mag die noch so verdient sein, rasche Fußtritte austeilen, nur um von der neuen Ruhmesfunzel auch einen Strahl zu erhaschen; wie sie ohne den leisesten Funken von Takt die neue Höhensonne spottend mit der alten Sonne vergleichen, nur, um dabei zu sein, wie sie undankbar vergessen, nur, um dabei zu sein. Dann kommt der Rückschlag.

Ein neuer Ausländer taucht auf, ein neuer Star, ein neuer Bursche, über dessen Genie sich die Maßgebenden rasch geeinigt haben. Nun ist der dran.

Der Alte ist vergessen. Die Augen noch geblendet vom Licht seines kurzen Ruhms, sitzt er im dunkeln Winkel und weint. Er kann es nicht fassen. Aber eben war doch noch ... Eben hatte man doch noch seinen Namen gerufen, Bücher über ihn geschrieben, ihn sich flüsternd auf der Straße gezeigt! Auf einmal ist alles vorbei. Die Inflation seiner Laufbahn ist vorüber, und aufwerten mag ihn keiner.

Es hat so etwas namenlos Trauriges, diese lächerliche Anilinbegeisterung für immer neue Halbgrößen zu sehen. So kritisch und negativ der Berliner oft mit Recht ist: das Kind will seine Puppe haben und spielt am liebsten mit buntbedruckten Lappen, die es um einen Ball wickelt – keine ist schöner als jene Puppe, die sich die Phantasie ausstattet.

So aber wächst keine Tradition, und über diese Partie des berliner Kulturlebens könnte man dieses Plakat setzen, das da an allen Restaurants pappt:

 

GÄNZLICH NEU RENOVIERT.

Monatlich wechseln die Parolen, und alle werden von allen befolgt. Die Uniformität des Denkens ist beim Deutschen bis zur Lebensgefährlichkeit ausgebildet, was wir 1914 schaudernd erlebt haben. Wagt wirklich einer, sich aufzulehnen, so kann man in neun von zehn Fällen darauf schwören, dass ers aus Egoismus tut oder um einer befreundeten Gruppe eine Gegenparole zu bauen.

Das geht merkwürdigerweise sehr tief herunter. Anderswo befolgt eine Clique ihr Losungswort, und der Rest kümmert sich nicht darum. Daher in den seltensten Fällen man zu Recht sagen darf: »Ganz Paris hat ... « Das ist Zeilenschwindel kleiner Journalisten. Aber in Berlin werden die geistigen Moden brav und bieder vom Bürgertum aufgetragen, und jeder sieht immer eine Steuerklasse höher, weil er in sich keinen Kompaß trägt. So entsteht ein Aschinger-Strindberg und ein Kempinski-Freud, und da ist nichts auf Bütten, was nicht bei Wertheim endet. Sie entscheiden ungern allein: es muß ihnen einer sagen. Konfektion ihr Innenleben, Fabrikerzeugnis die Individualität. Maschinenprodukte mit dem nachgeahmten Zeichen des Handwerks. Und alles andre als echter Kollektivismus.

Die Parole unterjocht ganz Berlin.

Die Krankheitskeime der Suggestion übertragen sich in den Cafés und im morgendlichen Telefongespräch der Frau Wendriner, wo der Ruhm des Tages gekocht wird. Keiner bleibt zu Hause, alle laufen sie mit. Denn wo käme man hin, wenn man in sich ginge! Und immer, wenn ich die eiligen, hetzenden und drängenden Berliner sehe, wie sie emsig und hart um sich blicken, dass auch ja keiner mehr habe als ihm zusteht, also, als sie selbst besitzen: dann fällt mir jener alte Mann ein, der vom Fenster seiner Parterrewohnung aus die Leute in der Gasse narrte: »Am Neuen Tor läuft ein Lachs!« Und er schmunzelte nicht schlecht in seinen Bart, als sie davoneilten, den laufenden Lachs zu sehen. Als aber die Gasse schwarz war von Schwatzenden und Drängenden, da wurde ihm nachdenklich zumute, und er sah seinen Spazierstock an und ergriff ihn und sprach: »Vielleicht läuft doch ein Lachs –?« Und schon stand er auf der Gasse.

Berlin gibt sich alle vier Wochen eine neue Parole, verhöhnt die alte und sucht den Lachs.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 04.01.1927, Nr. 1, S. 23.





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