Der Presseball


Das größte gesellschaftliche Ereignis der Weltstadt ist vorüber. Es war mehr als ein Ereignis – es war ein Evenement.

Bereits um elf Uhr verloren die Garderobenfrauen den Kopf und gaben ihn in der Garderobe ab, so drängte sich Prominenz an Prominenz. Vor der Staatsloge staute sich die Menge und begann bald, einem Anfall von Basedow zu erliegen: vier Herren und zwei Damen quollen die Augen aus dem Kopf, die später eine willkommene Bereicherung der Tombola wurden. Die Regierung war, soweit man hier von Regierung sprechen kann, vollzählig vertreten. Die Gesandten und Botschafter aller zivilisierten Staaten, sowie Bayerns, waren anwesend; die Dichtkunst wurde von Ludwig Fulda plattgetreten. In einer Loge saßen die leitenden Männer der deutschen Presse, darunter auch ein Redakteur. Ein wahrhaft glänzendes gesellschaftliches Bild bot sich den Augen; man sah die jugendliche Naive Adele Sandrock, den Redaktionschristen der Scherlschen ›Nachtausgabe‹ sowie einen Frack (Harry Liedtke). Das Watteau-Figürchen der Frau Katharina von Oheimb tauchte auf. Man sah die Herren Doktor Klöckner und Ministerialdirektor Klausener, der eine repräsentierte die katholischen Aktien, der andre die Katholische Aktion; Herr Rechtsanwalt Alsberg nickte der Großfinanz, soweit sie herumstand, freundlich zu; soweit sie saß, vertrat sie Herr Geheimrat Lemke vom Strafvollzugsamt der Provinz Brandenburg. Industrie und Handel: Jakob Goldschmidt, Doktor von Stauß, die Gebrüder Rotter. Herr Gesandter von Moltke war aus Warschau gekommen, Herr Breitscheid aus dem Mustopp. Auf meinen Hühneraugen bemerkte ich unter andern: den Meistergolfer Herbert Gutmann, die Generale von Seeckt, Heye und Kleiber. Herr Dorpmüller, der Chef der Reichsbahn, hatte im Gedränge einige kleinere Zusammenstöße, die er aus alter Gewohnheit lächelnd hinnahm. Eine Fülle schöner Frauen, die zuckenden, werbenden Rhythmen der Kapellen, tausend Kellnerdaumen in tausend Sektgläsern: ein wahrhaft welt-städtisches Bild! Die Tombola bot als Ehrenpreis zwei Sommerreisen in den fernen Orient, darunter eine nach St. Moritz, sowie als zweite Preise: einen Rasierapparat mit Radio aus Silber und einen Bowlenpokal aus Tineff. Die anwesenden Zeitungsverleger konnten mit dem Ertrag des streng exklusiven Festes, dem viertausend Personen beiwohnten, zufrieden sein: für die notleidenden Presseleute ist ausgesorgt.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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