Der Pfau


Ich bin ein Pfau.

In meinen weißen Schwingen

fängt sich das Schleierlicht der Sonne ein.

Und alle Frauen, die vorübergingen,

liebkosten mit dem Blick den Silberschein.

 

Ich weiß, dass ich sehr schön bin.

Meine Federn

auf meinem Kopf stell ich oft kapriziös ...

Ich hab das weißeste von allen Pfauenrädern;

ich bin sehr teuer, selten und nervös.

 

Ich habe leider ziemlich große Krallen,

und wenn ich fliege, sieht es kläglich aus.

Doch, wer mich liebt, dem werde ich gefallen,

und alle Welt steht vor dem Vogelhaus.

 

Klug bin ich nicht. Klugheit ist nicht bei allen,

viel liegt nicht hinter meiner Vogelstirn.

Ich will gefallen – immer nur gefallen –

Ich bin ein schöner Pfau. Ich brauche kein Gehirn.

 

Nur singen darf ich nicht. Das ordinäre

Gekrächz ist nicht zu sehen – wie mein Bildnis zeigt.

Ich bin ein Pfau.

Und eine schöne Lehre:

Wer dumm und schön ist, setzt sich. Siegt. Und schweigt.

 

 

Theobald Tiger

Die Dame, Juli 1927, Nr. 22, S. 8.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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