Der Graben


Mutter, wozu hast du deinen aufgezogen?

Hast dich zwanzig Jahr mit ihm gequält?

Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,

und du hast ihm leise was erzählt?

Bis sie ihn dir weggenommen haben.

Für den Graben, Mutter, für den Graben.

 

Junge, kannst du noch an Vater denken?

Vater nahm dich oft auf seinen Arm.

Und er wollt dir einen Groschen schenken,

und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.

Bis sie ihn dir weggenommen haben.

Für den Graben, Junge, für den Graben.

 

Drüben die französischen Genossen

lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.

Alle haben sie ihr Blut vergossen,

und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.

Alte Leute, Männer, mancher Knabe

in dem einen großen Massengrabe.

 

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!

Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!

In die Gräben schickten euch die Junker,

Staatswahn und der Fabrikantenneid.

Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,

für das Grab, Kamraden, für den Graben!

 

Werft die Fahnen fort!

Die Militärkapellen

spielen auf zu euerm Todestanz.

Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen –

das ist dann der Dank des Vaterlands.

 

Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.

Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,

schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.

Wollt ihr denen nicht die Hände geben?

Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben

übern Graben, Leute, übern Graben –!

 

 

Theobald Tiger

Das Andere Deutschland, 20.11.1926,

wieder in: Mona Lisa.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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