Der Fall Knorke


Eines Tages beschloß der Berliner, etwas Schönes, Angenehmes, Liebliches, etwas, das das Herz erfreut, mit

 

Knorke

zu bezeichnen. ›Knorke‹, mhd. knorricht, wahrscheinlich von ›Knorz‹ abgeleitet, Sanders S. 367, soviel wie ›Knorren habend‹ – kein Druckfehler für Korken. Eine Ehrung für den General Knorck (1719 – 1786, Reiteroffizier Friedrichs des Großen) erscheint wenig wahrscheinlich. Eines Tages war das Wort da.

Vorher hatten wir: ›dobje‹ – das kam aus dem Krieg. Auch ›schnieke‹ war sehr beliebt, das hieß wieder mehr ›fein, elegant, gut ausstaffiert‹. Aber ›knorke‹ war doch das schönste von allen. Wenn das Wort ausgesprochen wurde, hatte man mit dem angezogenen rechten Unterarm vertikal zur Fußstellung eine kurze Bewegung nach der rechten Brusthälfte hin zu machen, was das Wort wesentlich unterstrich. Dadurch wurde ›knorke‹ erst knorke. Und als das gar einmal ein Komiker auf dem Theater machte und zweimal in einem Stück hintereinander, da war der Erfolg des neuen Ausdrucks besiegelt. Knorke, Mensch –!

Die Knorkitis wütete. Alles war knorke: Essen, Frauen, Börsengewinste – (es ist schon lange her, schon lange her!) – Anzüge, Renntips und Kinogrößen. Die Dadaisten hatten ja erfunden, dass man ein Wort nur in die Welt zu setzen brauchte – wie etwa: dada – und dass sich dann der Sinn von ganz allein einstellt. Knorke setzte Fett an: es präzisierte sich, gewann Form und Sinn und wurde ein Begriff. Unmöglich, etwa ein ganz kleines Kind ›knorke‹ zu nennen – etwas widerstrebt da dem feinen Sprachempfinden. Knorke ist nichts Winziges – ein Marienkäfer ist nicht knorke. Knorke ist: bunt, laut, glänzend, ersten Ranges, über das Maß zufriedenstellend, imponierend, die Erwartungen eines guten Hausvaters voll erfüllend. Klara ist knorke.

Knorke überschwemmte die Grammatik. Es war Adjektiv und Adverbium – (»eine knorke Sache« und »er spielt knorke« – also: wie beschaffen und in welcher Weise) – auch kam das Wort in den nordwestlichen Landstrichen Berlins als Substantiv wild vor: »Justav is eine Knorke –!« Ein mystischer Sprachvorgang.

Kurz, das Wort wurde das, was die französische Sprache so hübsch »une scie« nennt, eine Säge. Das haben wohl alle Sprachen: der Ursprung der Epidemie ist meist dunkel, ein hingeworfenes Wort, ein Coupletrefrain, eine Volkswendung – auf einmal ist es da und macht alle Welt toll. Im Französischen hieß es früher bei allen Gelegenheiten: »A la gare!« oder: »Ça-ça fait riche!« Jetzt heißt es: »Sans blague!« – Ohne Spaß, was ›sans blague‹ alles angerichtet hat, das glauben Sie nicht, sans blague –! Es paßt so schön auf alles, was es überhaupt nur gibt. Du hast Durst, Schatz? Sans blague –! Herriot hat eine Rede gehalten? Poincaré hat keine gehalten? Sans blague –! Es gibt jetzt einen Expreß-Autobus in Paris? Jackie Coogan hat sich in das Goldene Buch der amerikanischen Botschaft an der Seine eingeschrieben? Sans blague –! Es paßt immer. Sans blague ist knorke.

Knorke ist das, woran sich der Ausländer zu allererst die Zunge wund stößt. Wenn er klug ist, läßt er die Lippen davon. Denn nichts ist merkwürdiger, als Ausländer knorken zu hören. Im ersten Augenblick muß man lachen, ja, man ist sogar geneigt, zu sagen: Sie können aber gut Deutsch! Aber nachher ärgerts einen doch ein bißchen; es ist, wie wenn ein frisch eingeladener Gast ins Schlafzimmer der Hausfrau läuft, und sich da die Möbel ansieht. Knorke? Wieso: Das ist unsere Knorke.

Der Fall Knorke war ein bitterer Fall. Knorke überschwemmte alles: die Straßenbahngespräche, die Volksversammlungsreden, die Diskussionen, die Telefongespräche, die Lieder, die Scherzgedichte – knorke, knorke! Wer aber genau hinhorchte, konnte dem gesunden Wort etwas anhören. Es trug seinen Untergangskeim in sich. Auf dem Höhepunkt angelangt, verfiel es der Krankheit seiner Art.

Als eines Abends ein frecher Lümmel das Wort in die volle Untergrundbahn hineinbrüllte, lachte kein Mensch mehr. Das Wort erschrak und ließ sich nochmal brüllen. Es geschah nichts dergleichen. Die Knorke erstarb dem Knaben im Munde. Was war geschehen –?

La scie, die Säge, hatte ausgesägt. Es taumelte durch die Wochen, die Rinnsteine schrien es sich noch mitunter zu, dann verfiel es sichtlich, wankte traurig umher, senkte das Haupt und war so gut wie verschieden.

Auf einmal sagte niemand mehr knorke. »Knorke? Den Ausdruck kenn ich nicht!«, das durfte ungestraft gesagt werden! – Es war aus.

Lebe wohl, ›Knorke‹. Ruhe sanft. Hab keine Angst: deine Familie stirbt nicht aus. Du bekommst Nachfolger. Die Menschen brauchen das wohl, etwas, das alle sagen, etwas, das alle tun, etwas, woran alle glauben. Mal ist es Knorke, und mal ist es die Höhensonne; mal ist es ›Sans blague‹, und mal ist es die Theosophie – Knorke kommt und Knorke vergeht, unser Leben ist wie Knorke, der Wind trägts umher, wirbelt es hierhin und dorthin – und was bleibt in den meisten Fällen übrig?

Chorus mysticus: »Knorke!« –

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 07.10.1924.





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