Colloquium in utero


Ein trüber Herbsttag im Mutterleib. Zwei Stück Zwillinge, Erna und Max, legen

sich bequem und sprechen leise miteinander.

 

»Mahlzeit!«

»Mahlzeit! Na, gut geschlafen ... ?«

»Soweit man bei diesem Rummel schlafen kann – es sind bewegte Zeiten. Ich träume dann immer so schlecht.«

»Was hast du bloß?«

»Du bist gut! Was ich habe! Hier, hast du das gelesen, im Reichsverbandsblatt Deutscher Leibesfrüchtchen?«

»Nein. Was steht da?«

»Da steht: Warnung vor dem juristischen Studium. Fünfzigtausend Primaner legen die Reifeprüfung ab. Hundertunddreißigtausend stellenlose Akademiker, es kann auch eine Null mehr sein, ich kann das bei der Beleuchtung nicht so genau unterscheiden. Warnung vor dem Veterinär-Studium. Warnung vor Beschreitung der Oberförster-Laufbahn. Warnung ... und so geht das weiter.«

»Na und?«

»Na und ... du dummes Keimbläschen! Willst du mir vielleicht sagen, was man denn eigentlich noch draußen soll? Nun fehlt nur noch die Warnung vor einem Beruf!«

»Vor welchem?«

»Vor dem eines Deutschen. Aber, wenn das so weiter geht: ich bleibe hier.«

»Ich gehe raus.«

»Warum?«

»Weil es unsre Pflicht ist. Weil wir heraus müssen. Weil im Kirchenblatt für den Sprengel Rottenburg und Umgegend steht: Das Leben im Mutterleib ist heilig. Lieber zehn Kinder auf dem Kissen als eines auf dem Gewissen, steht da. Und die Präservativ-Automaten sind auch aufgehoben. Wir stehen, mein Lieber, unter dem Schutz der Staatsanwaltschaft und der Kirche!«

»Draußen?«

»Nö, draußen nicht. Bloß drin.«

»Na, da bleib doch hier!«

»Wir haben nur für neun Monate gemietet, das weißt du doch!«

»Es ist, um sich an dem eignen Nabelstrang aufzuhängen! Ich für mein Teil bleibe drin!«

»Du bleibst nicht drin. Sei froh, dass wir nicht dreie sind, oder vier, oder fünf, oder sechs ... «

»Halt! Halt! Wir sind doch nicht bei Karnickels!«

»Es ist alles schon mal dagewesen, Deutschland kann keine Kinder ernähren, nur Kartelle. Deutschland braucht Arbeitslose!«

»Ich bleibe drin.«

»Ich geh raus!«

»Du gehst nicht raus! Streikbrecher!«

»Pergamentfrucht!«

»Dottersack!«

(Gestrampel)

Die Mutter: »Was er nur hat –?«

 

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 22.03.1932, Nr. 12, S. 453.





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