G. K. Chesterton, ›Der unsterbliche Mensch‹


G. K. Chesterton ›Der unsterbliche Mensch‹ (erschienen bei Carl Schünemann in Bremen). Eine Katholikin schrieb mir dazu: »Chesterton, der, soviel ich weiß, Konvertit ist, versucht hier, mit den gleichen Mitteln, wie ihr das macht, und mit großer Kenntnis, den umgekehrten Feldzug zu führen, mit achselzuckender Leichtigkeit, so, wie ihr das macht, und so stellt er seine Gegner als Trottel hin. Nun seid ihr einmal dran.« Hm –

Ich habe Chesterton einst sehr geliebt. Seine witzigen Kriminalgeschichten beiseite, die heute noch höchst amüsant sind – was da in ›Ketzern‹ und ›Häretikern‹ gestanden hat, das war von keinem schlechten Vater. Seine Gesinnung hat sich auch gar nicht geändert. Aber der alte Knabe wird sauer. Er ist genau das, was er so vielen andern zu sein vorwirft: ein Literat in jenem übeln Nebensinne, den das Wort mit sich herumführt. Was Chesterton zum Beispiel über Rußland sagt, strotzt von Kenntnislosigkeit, und seine Diskussionen mit dem alten Shaw über Sozialismus waren ein Waschweiberkram, mit dem wir gar nichts anfangen können. Ach, sie sind ja so witzig und so englisch! und so irisch! und es ist überhaupt eine Freude. Und unterdes liegen die Arbeiter auf der Straße und dürfen sich an diesen feinen Geistern ergötzen.

Was er in diesem Buch treibt, ist ... wie soll ich das nennen? Es ist wiener Kaffeehaus mit umgekehrtem Vorzeichen. Es wird bewiesen ... Als ob man nicht alles, aber auch alles auf der Welt beweisen kann! Es sind einfach Dummheiten darin, die bei einem so klugen und gebildeten Menschen gradezu überraschen. So der Vergleich der Wahrheit mit einem Schlüssel, gelegentlich des Buddhismus ... das ist eine blanke Albernheit, weil man mit solchen alten Kunstgriffen der Scholastik, die außerdem auch noch Trugschlüsse sind, nichts beginnen kann. Ich habe polternde Schriftsteller gern; der alte Johannes Scherr oder Schopenhauer, der – neben allem andern – manchmal auch dahergepoltert kam, sind mir teure Weggenossen. Und dass hier einer auf uns herumhackt, würde mich erst recht nicht stören. Aber es ist so eindeutig dumm; das Christus-Schach, das der da spielt, müßte, wie das ganze Buch, einen wirklich gläubigen Katholiken eigentlich entsetzen. Mich hat es entsetzt; ich bin viel frömmer als er, dieser schachernde Mystiker. Schreit da den Katholizismus aus wie ein paar alte Hosen ... ! Er ziehe sich schleunigst neue an; diese sind durchgewetzt, und mißtönendes Geschrei macht sie auch nicht neuer. Seht doch, wie er fuchtelt! hört doch, wie er ›beweist‹, es gebe einen Gott – ungefähr so, wie der Kaufmann uns beweist, dass er an dieser Ware zusetzt. Ja doch. Du setzt zu. Du verlierst an allem, was du verkaufst. Und wovon leben Sie? »Na, Sonnabends habe ich doch geschlossen ... !« Welch ein katholischer Jude! Leuchtet ihm die Religion? Gott segne ihn. Wir andern sehen nur dies: Wo auch immer die Kirche politisch herrscht, jedesmal, wenn sie in den Schulen und auf den Universitäten regiert, dann – ja, was geschieht dann?

Dann, Lieschen, können wir getrost das Licht ausmachen.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 09.12.1930, Nr. 50, S. 859.





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