Wo bleiben deine Steuern –?


Wenn einer keine Arbeit hat,

ist kein Geld da.

Wenn einer schuftet und wird nicht satt,

ist kein Geld da.

Aber für Reichswehroffiziere

und für andre hohe Tiere,

für Obereisenbahndirektionen

und schwarze Reichswehrformationen,

für den Heimatdienst in der Heimat Berlin

und für abgetakelte Monarchien –

dafür ist Geld da.

 

Für Krankenhaus und Arbeiterquartier

ist kein Geld da.

Für den IV. Klasse-Passagier

ist kein Geld da.

Aber für Wilhelms seidne Hosen,

für prinzliche Zigarettendosen,

für Kleinkaliberschützenvereine,

für Moltkezimmer und Ehrenhaine,

für höhere Justizsubalterne

und noch eine, noch eine Reichswehrkaserne –

dafür ist Geld da.

 

Wenn ein Kumpel Blut aus der Lunge spuckt,

ist kein Geld da.

Wenn der Schlafbursche bei den Wirten zuguckt,

ist kein Geld da.

Aber für Anschlußreisen nach Wien,

für die notleidenden Industrien

und für die Landwirtschaft, die hungert,

und für jeden Uniformierten, der lungert,

und für Marinekreuzer und Geistlichkeiten

und für tausend Überflüssigkeiten –

da gibts Zaster, Pinke, Moneten, Kies.

Von deinen Steuern.

Dafür ist Geld da.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 09.11.1926, Nr. 45, S. 738,

wieder in: Mit 5 PS.





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