Alle Welt sucht


An Walt Whitman

 

Von oben gesehen, sieht das ungefähr so aus:

 

Alle gehen um einander herum und suchen,

 

Fressen.

Der Bär tappt nachts durch den Wald und brummt, weil er hungrig ist – er sucht ein Bienenloch oder etwas andres zur Aufplusterung seiner Speckhülle;

der Arbeitslose wickelt mit frostzitternden Händen ein zerfetztes Zeitungspapier auseinander – vielleicht ist ein angebissenes Brot darin?

der Japaner rülpst höflich und nimmt noch ein hochwohlgebornes Schüsselchen Reis – mit den Augen sucht er das minder schöne, weil er wohlerzogen ist;

der Säugling stößt ungeduldig an der Mutter Brust.

 

Liebe.

Der Bankprokurist schwätzt schon zwei Stunden über Picasso und überhaupt die moderne Kunst – dabei zieht er sie mit den Augen aus;

Feldwebel greifen dem Bauernmädchen unter die Röcke;

ein Herr fragt zwinkernd den Hotelportier, wo man denn hier mal repunsieren könne;

ein Weicher sucht einen Weichen;

die harrende Lehrerin bestellt ihren inzwischen erwachsenen Schüler auf Dienstag abend;

die Tänzerin wirft während des Tanzes merkwürdige Blicke in die Loge, wo die Frau des Warenhausbesitzers geschmückt strahlt;

Hans sucht Grete;

Mätzchen, der Kanarienvogel, hüpft aufgeregt auf der

Stange hin und her und schlägt mit den kleinen Flügeln, er muß mal.

 

Geld.

Millionen strömen morgens aus den grauen, rußigen Vorortbahnhöfen in die Stadt, ihre Schritte schlurren, eine Wolke von Menschendunst liegt auf ihnen;

Freunde verraten ihre Freunde, während sie suchen; der Rentier entfaltet die Gewinnliste;

der Bettler sucht einen, der ihm glaubt, dass er blind ist;

Spieler suchen, halbirr, einen Pump unterzubringen; der Bankier sucht fremdes Geld.

 

Alle suchen.

Das vom Sessel herunterrutschende Geldstück und das abstürzende Flugzeug suchen die Erde – geliebte Schwerkraft!

ein Mann sucht seinen Hund und der ihn;

meine Mama sucht ihren Schlüsselkorb;

Familien suchen eine Wohnung;

ein Verzweifelter sucht einen Grund, weshalb er auf der Welt ist.

 

Von oben gesehen, sieht das ungefähr so aus:

 

Niemand hat das, was er eigentlich braucht.

 

Alle Welt sucht.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 11.08.1925, Nr. 32, S. 225.





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