Zweckbegriff


Der Darwinismus hat das nicht geringe Verdienst, eine Anzahl von Bildungsveränderungen beobachtet oder gesammelt, die Ähnlichkeit solcher Bildungsveränderungen bemerkt und für die Gruppen solcher Ähnlichkeiten unter dem Namen von Bildungsgesetzen neue Worte aufgebracht zu haben. Es läßt sich seitdem manches besser übersehen. Wir, die wir geneigt sind, jede Beachtung von Ähnlichkeiten für Abstraktionen des menschlichen Verstandes zu halten, denen in der Natur nichts genau entspricht, vermuten sofort, dass zwischen den zweckmäßigen und nichtzweckmäßigen Bildungsgesetzen kein nachweisbarer natürlicher Unterschied sein werde. So kommen wir von einer anderen Seite dazu, Darwins Zweckbegriff als eine mythologische Figur zu begreifen. Die Darwinisten finden etwas von Entwicklung, also heimlicherweise von Fortschritt und Zweckmäßigkeit darin, wenn z. B. die Erstarkung der vorderen Extremitäten die hinteren schwächt oder umgekehrt. Die Ahnung einer mechanischen Ursache wird zur Voraussetzung eines Zwecks; die Beschreibung will Erklärung sein. Es gibt daneben andere Bildungsgesetze, welche Darwin mit einem unverfänglichen Worte "die Korrelationen des Wachstums" genannt hat, wie z. B. wenn Katzen mit blauen Augen häufig taub sind, wenn Georginen von einer bestimmten Farbe geschlitzte Kronenblätter haben. Da in solchen Fällen weder irgend ein Zweck aufzufinden noch der biologische Vorgang irgendwie zu ahnen ist, so werden diese Fälle nicht zu den zweckmäßigen gerechnet. Die Beschreibung verzichtet freiwillig darauf, Erklärung zu heißen. Mir aber will es scheinen, als ob der Kritiker der Sprache beim Überblick über diese beiden Gruppen von Bildungsgesetzen mit lachender Lust den Zweckbegriff wie eine Rakete des menschlichen Verstandes aufsteigen, leuchten und verpuffen sehen müßte. Legt man dem Kampf ums Dasein der Organismen einen Zweckbegriff unter, dann müßte man auch dem Kampf ums Dasein am Himmel einen Zweckbegriff unterschieben. Dann wäre die äußerst verwickelte Bahn der Erde, welche in ihrer Hauptrichtung von ihrem Verhältnisse zur Sonne, in geringeren Eichtungen von ihrem Verhältnisse zu den Planeten, in minimalen Sichtungen sicherlich von fernen Fixsternen abhängt, dann müßte diese wirkliche, das heißt notwendige Erdbahn ebenso zweckmäßig heißen wie die im Kampf ums Dasein entstandene Einrichtung des menschlichen Auges. Nennen wir aber die wirkliche Erdbahn nicht zweckmäßig, so dürfen wir auch das Auge nicht zweckmäßig nennen. Man komme mir nicht damit, dass das menschliche Auge durch Vererbung und Anpassung so geworden ist, wie es ist. Auch die Erdbahn hat sich anpassen müssen, und wer weiß, wieviele Planeten zusammengestürzt sind in der dunklen Tiefe der Zeiten, weil sie sich nicht anpassen konnten. Und die Fortdauer der sogenannten Anziehungskraft ist um nichts erklärbarer als die Fortdauer der Kräfte und Formen, die wir Vererbung nennen. So wird uns die Zweckmäßigkeit des Darwinismus, welche sich auf der einen Seite als ein moderner Zufallsbegriff enthüllt hat, auf der anderen Seite zu einer menschlichen Anschauungsweise der Notwendigkeit. Notwendigkeit, Zufall und Zweck fallen zusammen, wie das Ding Kirsche ein und dasselbe Ding ist, welches wir das einemal eine Frucht, das anderemal rot und säuerlich, das drittemal ein nützliches Nahrungsmittel nennen. Welches wir einmal durch ein Substantiv (Notwendigkeit, Sein), das anderemal durch ein Adjektiv (accidens, Zufall), das drittemal durch ein Verbum (Zweck) ausdrücken.

Wollen wir Ernst damit machen, die uralte Vorstellung von einer allweisen Schöpfermacht aufzugeben , so müssen wir auch endlich den sublimierten Zweckbegriff der Darwinisten fallen lassen. Dazu gehört, dass wir entweder das Wort Entwicklung nicht mehr gebrauchen oder aus diesem Worte die Vorstellung von einem Fortschritt weglassen. Eine Tatsache ist es, dass diese wirkliche Welt, das heißt die uns allein bekannte organisierte Erdkruste nicht starr ist. Starr wäre sie, wenn sie in ewigem Eise fröre, starr wäre sie ebenso, wenn diese organisierte Erdkruste in dem Bestande dieses Augenblicks mit all ihren Blumen und Tieren unveränderlich bliebe. Unsere Welt verändert sich. Diese überwältigende Fülle ununterbrochener Veränderungen bildet aber für unsere Sinne kein Chaos, sondern unsere Sinne nehmen in den Veränderungen eine Regelmäßigkeit wahr, welche wir gesetzlich nennen. Und wir haben eben entdeckt, dass diese Gesetzmäßigkeit oder Notwendigkeit uns unwillkürlich als Zweckmäßigkeit erscheint, sowie uns die notwendige Frucht des Kirschbaums nützlich erscheint, weil wir sie essen können. Diese Gesetzmäßigkeit oder Notwendigkeit aller Veränderungen im Weltall steckt natürlich nur im menschlichen Kopfe. Wir wissen nicht, was in der Wirklichkeit diesem Begriffe der Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit entsprechen mag; denn wir können uns zur Not von dem Zweckbegriff befreien, auch wir aber nicht (solange wir reden) von dem Begriff der Ursache. Von der Stimmung unserer Betrachtung hängt es ab, ob wir diese Ordnungsvorstellung in unserem Kopfe als Notwendigkeit, als Zweckmäßigkeit und Vollkommenheit oder als Schönheit empfinden. Nur die Vorstellung einer Ordnung, das heißt einer Wiederholung von ähnlichen Erscheinungen finden wir scheinbar objektiv in unserem Kopfe vor. Und die letzte Frage der Welterklärung wäre die: Wie ist diese Vorstellung der Ordnung in unseren Kopf hineingekommen? Ist sie objektiv oder subjektiv?


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