Zufall


Es gibt keine leibhaftigen Gesetze. Es gibt keine Gesetze der Geschichte. Es gibt auch keine Gesetze der Sprachgeschichte, nur einen Zufallsstrom von mikroskopischen Laut- und Bedeutungswandlungen, deren Analogien man Gesetze genannt hat. Das hat uns die Kritik der Sprachwissenschaft gelehrt.

Und schon vorher haben wir erfahren, dass die Sprache oder das Denken nur ein Zufallsbild von der Wirklichkeitswelt enthalten kann, weil wir von der Wirklichkeitswelt nur wissen, was die Siebe unserer Zufallssinne passieren konnte. So ist all unser Denken, das Spiel der Assoziationen, in doppelter Beziehung ein Zufallsspiel dieser Assoziationen, und die Begriffe Zufall und Notwendigkeit assoziieren sich, was wir dann zu grammatischen und logischen Verbindungen beider Begriffe benützen. Und wir müssen einen Augenblick innehalten, wir müssen den Begriff "Zufall" genauer betrachten, der aus einer eigentlich negativen Abstraktion zu einem positiv anmutenden Worte geworden ist, mythologisch verwendbar und nun bereit, mit seinem Gegensatze verkuppelt zu werden.

Das Wort Zufall ist sichtlich eine Übersetzung (sie findet sich erst im späten Mittelhochdeutsch) des lateinischen Wortes accidens. Dieses ist wieder eine Übersetzung des griechischen symbeubechos. Der ursprüngliche Sinn hat sich im heutigen Französisch noch da erhalten, wo accident im scholastisch-gelehrten und auch im scholastisch-medizinischen Sprachgebrauche das bedeutet, was in der deutschen Philosophie hilflos die Accidenz heißt. Für unseren Zufall haben die romanischen Sprachen das Wort hasard, welches — wenn wirklich von der arabischen Bezeichnung für Würfel hergenommen — ein sehr guter bildlicher Ausdruck für den Zufall ist.

Sieht man aber genauer zu, so steckt in dem scholastischen Worte Accidenz doch eine der unklaren Vorstellungen, die wir mit dem Zufallsbegriffe verbinden. Die Accidenz steht nämlich im Gegensatze zu der Essenz eines Dings; und der weise Aristoteles hat sich darunter wirklich nicht viel Anderes gedacht als das Zufällige. Es ist "wesentlich", dass ein Hund anatomisch so und so gebaut ist; es ist "unwesentlich" das heißt doch wohl zufällig, ob er schwarz oder braun oder weiß ist. Der Zufallsbegriff ist also etymologisch (wenn wir mechanische Übersetzungen der Wortteile, die ich Lehnübersetzungen nenne [vgl. "Wörterbuch der Philosophie" in der "Einleitung" besonders S. LV u. ff.] unbeachtet lassen) aus dem Accidenzbegriff hervorgegangen, aus dem Gegensatze zum Wesentlichen. Zufällig ist das Unwesentliche. Aber im Laufe der Zeit, als die Notwendigkeit alles Geschehens dem Menschen eine notwendige Vorstellung wurde, gewann der Zufallsbegriff die Bedeutung eines Gegensatzes zum Notwendigen. Das konnte aber nur den Dummen genügen. Die besseren Köpfe sahen bald ein, dass auch die unwesentlichen Eigenschaften und Ereignisse notwendig seien, wenn wir auch ihre zwingenden Ursachen nicht kennen oder nicht beachten. So gewann der Zufallsbegrifi seine relative Bedeutung; zufällig war im Gegensatze zum Notwendigen das, dessen Notwendigkeit wir nicht sahen. Und zuletzt, da doch alle Notwendigkeit aus zwingenden Ursachen nur eine menschliche Bezeichnung ist, hergenommen von unserem Bewußtsein, eine Handlung gewollt und sie durch unser Wollen verursacht zu haben, geriet der Zufall in einen dritten Gegensatz gegen die Absichtlichkeit.

Wir haben also im Zufall einen Begriff vor uns, der erstens nur negativ, nur als Gegensatz von etwas Anderem verstanden werden kann (Negation ist nie an sich da, ist immer nur zwischen den Menschen, wie Kant schon lehrte) und der zweitens überhaupt nicht verstanden werden kann, weil er so ungenauen Abstraktionen wie der Wesentlichkeit, der Notwendigkeit und der Absichtlichkeit entgegengesetzt ist. Wie kommt es nun, dass jeder Schuljunge sich einbildet, bei diesem verwirrten Begriff etwas Klares zu denken?


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Seite zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 
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