Whewell


"Beinahe jeder Fortschritt der Wissenschaft ist bezeichnet durch die Neubildung oder Aneignung eines technischen Ausdrucks. Die Umgangssprache hat in den meisten Fällen einen gewissen Grad von Schlaffheit und Zweideutigkeit, wie die Alltagskenntnis (common knowledge) gewöhnlich etwas Vages und Unbestimmtes an sich hat. Diese Kenntnis beschäftigt gewöhnlich nicht den Verstand allein, sondern wendet sich mehr oder weniger an irgend ein Interesse oder setzt die Phantasie in Bewegung; und so enthält die Umgangssprache. im Dienste solchen Wissens immer eine Färbung des Interesses oder der Einbildungskraft. Doch sobald unsere Erkenntnis ganz exakt und rein verstandesmäßig wird, verlangen wir eine ebenso exakte und verstandesmäßige Sprache, eine Sprache, welche gleicherweise Unklarheit und Phantastik, Unvollkommenheit und Überflüssigkeit ausschließt, deren jedes Wort einen festen und streng abgegrenzten Gedanken mitteilen soll. Eine solche Sprache, die der Wissenschaft, entsteht durch den Gebrauch technischer Ausdrücke . . . der Fortschritt im Gebrauche einer technischen wissenschaftlichen Sprache bietet unserer Beobachtung zwei verschiedene und aufeinander folgende Perioden; in der ersten wurden technische Ausdrücke gelegentlich gebildet, wie sie sich zufällig darboten; dagegen wurde in der zweiten Periode eine technische Sprache absichtlich hergestellt mit einem bestimmten Vorsatz, mit Bücksicht auf den Zusammenhang, mit der Aussicht auf die Herstellung eines Systems. Obgleich die gelegentliche und die systematische Bildung von technischen Ausdrücken durch ein bestimmtes Datum nicht geschieden werden können (denn zu allen Zeiten sind einzelne Worte in einzelnen Wissenschaften unsystematisch gebildet worden), können wir doch die eine Periode die antike und die andere die moderne nennen."

Mit diesen Worten leitet Whewell in seiner "Philosophie der induktiven Wissenschaften" (XLVIII) seine Aphorismen über die wissenschaftliche Sprache ein. Bevor ich einiges aus diesen Aphorismen mitteile, welche vor nun mehr als sechzig Jahren eine Befreiung von der toten Metaphysik des Altertums wieder hätten anbahnen können und welche jedenfalls Äußerungen eines ungewöhnlich freien englischen Kopfes waren, — möchte ich an der Hand von desselben Whewell "Geschichte der induktiven Wissenschaften" zeigen, warum diese Entstehungsgeschichte einer wissenschaftlichen Sprache ihr Ziel verfehlen mußte.

Whewell ging von der frappierenden Beobachtung aus, dass grundlegende technische Ausdrücke der Geometrie von der griechischen Umgangssprache hergenommen waren. Das griechische Wort für Kugel, welches wir als "Sphäre" immer noch benützen, bedeutete nebenbei einen Spielball der Kinder, der Kegel oder Konus bezeichnete einen Kreisel, Zylinder eine Walze, Kubus war ebenso wie unser Würfel zugleich der technische Ausdruck der Geometrie und der für das bekannte Spielgerät. Wir lassen nun die Frage beiseite, ob in diesen besonderen Fällen die Geometrie ihre Ausdrücke von der Straße aufgelesen oder ob die Spielzeugindustrie sie von der Geometrie entlehnt habe. Jedenfalls dürfen wir die Ausnahmestellung der Mathematik nicht auf die anderen Wissenschaften übertragen. Die Definition der Kugel und des Würfels ist seit drei Jahrtausenden um manche Einsicht und damit um manches Merkmal bereichert worden, aber die einfache Vorstellung ist heute dieselbe wie vor dreitausend Jahren, weil sie die Vorstellung von etwas Einfachem ist. Whewells Unterscheidung zwischen Umgangssprache und technischer Sprache trifft also für die Geometrie so ziemlich zu; schon in der Geschichte der Astronomie werden wir jedoch ein Schwanken von einem Sprachgebrauch zum anderen wahrnehmen, und die Wissenschaft von den Organismen hat es bis zur Stunde zu einer wissenschaftlichen Terminologie nicht gebracht. Um ganz sicher zu gehen, wollen wir das erste Beispiel nicht aus der Astronomie nehmen, welche ja der Mathematik zu nahe steht, und nicht aus dem Reich der Organismen, deren Definitionen wir nicht kennen. Wir wollen ein mittleres Reich aufsuchen und Umgangssprache und wissenschaftliche Sprache in der Sprachgeschichte der Chemie und Mineralogie verfolgen.  



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 30.05.2006 
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