E. von Hartmann


Was nun bei Schopenhauer die natürliche Folge seiner Spekulation war, der Hervorgang einer neuen Theologie aus gottloser Logik, das wird zur sophistischen Spekulation bei Eduard von Hartmann, dessen "Unbewußtes" sich ganz bedenklich dem Gott des ungebildeteren Pöbels nähert. Der Fall ist typisch für das Hervorgehen von religiös-metaphysischen Begriffen aus dem Mißbrauch der Sprache.

Zuerst erkennt der Philosoph das Recht der Wissenschaft an, in den Dingen Alleinherrscherin zu sein, die sie kennt; das ist durchaus nicht etwa modern, das war immer so. Moses und Platon, Jesus und Augustinus, Luther und Descartes, Spinoza und Kant ließen ihr metaphysisches Bedürfnis erst da einsetzen, wo sie von ihren (allerdings äußerst ungleichen) Naturkenntnissen verlassen wurden; dann bleibt das übrig, was wir — je nach der Zeit — nicht wissen, und solange es für dieses Nichtwissen noch ein übliches, positives Wort gibt, solange schreitet die Theologie hinter der Wissenschaft her, wie der Pfarrer hinter dem Lehrer, der Küsterdienst versieht. Man achte darauf, wie auch in der Bezeichnung "Die Philosophie des Unbewußten" dieses "Unbewußte" plötzlich den Charakter eines positiven Begriffs erhält. Eigentlich ist es rein negativ und also mythologisch nicht zu verwenden (I. 632). Mag man es auf ein Subjekt oder ein Objekt, auf den Deus oder die Natura beziehen, mag man es mit dem "Bewußtseinslosen" oder mit dem "Ungewußten" gleichsetzen, immer bezeichnet es natürlicherweise etwas Unbekanntes, die Grenze unseres Wissens oder die Grenze des Gewußten, ein Nichtding also. Aber mit ihrer unheimlichen metaphorischen, mythenbildenden Kraft suggeriert die Sprache dem Leser des Worts "das Unbewußte" sofort einen positiven Sinn, das Unerkennbare hat ein neues Mäntelchen erhalten, und der Fetisch eines neuen Kultus ist fertig. Jeder dieser Atheisten tritt darum am Ende als Religionsretter auf und möchte gern als Religionsstifter erscheinen.


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