Umfang und Inhalt


Dafür, dass die Begriffe um so leerer werden, je mehr Einzelvorstellungen sie zusammenfassen, dafür spricht der bekannte Satz der Logik, dass der Inhalt eines Begriffs um so kleiner werde, je größer sein Umfang sei. Ich muß dieses ABC der Logik als bekannt voraussetzen. Es ist ja auch klar, dass Tier, Geld inhaltsleerer ist als z. B. Säugetier, Papiergeld. Nun ist es aber merkwürdig, dass dieser bekannte logische Satz im streng logischen Sinn gar nicht einmal wahr ist. Es sind hunderttausend neue Insektenarten entdeckt worden (der Umfang des Begriffs "Insekt" ist vergrößert worden), ohne dass sein Inhalt sich verkleinert hätte, ohne dass man seine Definition hätte einschränken müssen. Und der Inhalt oder die Merkmalssumme des Begriffs Planet ist seit Kopernikus größer geworden, während zugleich die Anzahl der Planeten zunahm.

So weit die Regel im logischen Sinne richtig ist, ist sie ein spielerischer, gezierter Ausdruck für die wohlfeile Beobachtung, dass man für dieselbe Menge Geld weniger Säcke brauche, wenn man größere Säcke nehme. Praktisch aber ist die Regel richtig, oder sagen wir psychologisch. Die Unklarheit, welche jedem Wortzeichen anhaftet im Verhältnis zur Anschauung, steigert sich mit der Zahl der Anschauungen und der Stufenreihe der Anschauungsgruppen, die das Wort bezeichnen soll. An dem einen Ende ruht die Einzelvorstellung, die vor der Sprache ist, an dem anderen Ende gähnt der Abgrund der allgemeinsten Begriffe oder Kategorien, die jenseits der Sprache liegen und nur mißbräuchlich von künstlichen Worten mythologisch vorgestellt werden; zwischen diesen beiden Enden schwebt die menschliche Sprache über der Wirklichkeitswelt wie ein Nebelduft, verschönernd und die Grenzen auflösend. Doch selbst diese äußersten Gegensätze möchte ich nur relativ aufgefaßt wissen. Selbst das Tier, das sich meist mit Einzelvorstellungen begnügt und so vor der Menschensprache stehen geblieben ist, hat sein Gedächtnis und damit eine Art Sprache; und selbst der Metaphysiker, der jenseits der Sprache darüber nachsinnt, ob der allerhöchste Begriff, ob die Spitze der Begriffspyramide mit "das Sein" oder mit "Etwas" auszudrücken sei, selbst er ist noch nicht ganz und gar losgelöst von der Wirklichkeit, von der Anschauung.

Es wäre mir ein Leichtes, die Logiker mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und aus ihren eigenen Begriffen heraus zu beweisen, auf Verlangen sogar mathematisch zu beweisen, dass ihre obersten Begriffe leere Nullen sein müssen. Wenn man sich nämlich dadurch zu immer höheren Begriffen erhebt, dass man nacheinander die Einzelvorstellungen unbeachtet läßt, dass man nacheinander von ihnen absieht, so muß am Ende der Augenblick kommen, wo man auch von der letzten Vorstellung absieht, um zum höchsten Begriff, dem des "Seienden" zu gelangen. So kann man mit dem beliebten Abstraktionsspiel von der Wirklichkeit, dem Stückchen Ohester auf dem Teller, Weiter kommen: zu einem Käselaib, zu Käse überhaupt, Milchwirtschaftsprodukt, animalischem Nahrungsstoff, Nahrung, organisiertem Stoff, "Etwas". Mathematisch ließe sich das so ausdrücken, dass der Inhalt eines Begriffs sich zu seinem Umfang verhält wie der Zähler zum Nenner; wird nun der Nenner unendlich groß, soll also der Begriff alles auf der Welt umfassen, dann muß der Wert jedes Zählers im Verhältnis zum Unendlichen gleich Null werden: der Inhalt von Begriffen wie "Etwas", "Substanz", "Sein" usw. ist also gleich Null.  


 © textlog.de 2004 • 25.07.2017 06:50:07 •
Seite zuletzt aktualisiert: 29.05.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright