Teleologie


Lassen wir nun den Begriff der Wesentlichkeit als eine Zwischenstufe beiseite, so bleibt für den Zufallsbegriff im Sprachgebrauch immer die Frage bestehen, ob er als Gegensatz zu einem Absichtlichen oder zu einem Notwendigen verwendet worden sei. Die moderne Wissenschaft ist nicht wenig stolz darauf, dass sie sowohl die Absicht als den Zufall aus der Natur entfernt habe. Es kann keine gröbere Selbsttäuschung geben. Dass die Absicht oder der Zweck, gelehrt ausgedrückt die Teleologie, nach der Pensionierung eines persönlichen Gottes überall den neuen kleinen Gottheiten oder Naturgesetzen heimlich und unbewußt zugeschrieben worden ist, sehen wir an hundert Fällen unserer Untersuchung. In allen Lehren von der natürlichen Entstehung der Welt steckt tief verborgen und in hundert Verkleidungen der Glaube an eine überweltliche Absicht. Dieser Glaube läßt sieh nie und nimmer aus dem menschlichen Denken entfernen, weil er sich aus der armen menschlichen Sprache nicht entfernen läßt; nicht nur die Götter, sondern auch die anderen Begriffe seiner Sprache hat der Mensch nach seinem Bilde geschaffen, nach dem Bilde seiner eigenen Handlungen hat er sich das Naturgeschehen vorgestellt, und wie er als Ursache seiner eigenen Handlungen seinen Willen im sogenannten Bewußtsein vorfand, so hat er — seitdem ein Regentropfen fiel und der Mensch ihn fallen und die Erde benetzen sah — das vorausgehende Ereignis stets als eine Ursache mit einer unbewußten Absicht verstanden. Der Leser ruft: "Aber der Tropfen ist doch auch wirklich die Ursache der Nässe!" Ich aber antworte: Das ist ein Bild, das du von deinen menschlichen Handlungen hernimmst.

Und nun erst der Zufall! Wo fängt er an und wo hört er auf im Naturgeschehen, wie es unsere Wissenschaft aufzufassen gezwungen ist? Der Materialismus, der in einseitigem Hasse den Glauben an eine absichtsvolle persönliche Schöpfung zu zerstören sucht, ist geradezu genötigt, die ganze Welt mit der Summe ihrer sogenannten Naturgesetze einen richtigen Zufall zu nennen, einen Fall unter unzähligen anderen möglichen Fällen. Diese große und richtige Vorstellung, aus der ich vielleicht erst meine Lehre, dass unsere Sinne Zufallssinne seien, gewonnen habe, dieses gewaltige Bild von einer Unzahl möglicher Welten, ist schon den ältesten Materialisten geläufig. Epikuros hat es klar ausgesprochen. Und historisch gehen die Begriffe Optimismus und Pessimismus, die jetzt zu bloßen Stimmungen verblaßt sind, auf die Vorstellung von der besten unter allen möglichen Welten und auf einen mehr witzigen als logischen Gegensatz dazu (da man sich doch bei der "schlechtesten" Welt gar nichts denken kann) zurück. Doch auch hier sehen wir, wie der Begriff Zufall seinen Sinn verändert hat. Als der alte Materialismus sich einer noch lebendigen, geglaubten Religion gegenüberstellte und die zufällige, natürliche Entstehung der Welt gegenüber der Lehre von einer absichtlich geschaffenen ausbildete, da sollte Zufall nicht viel anderes heißen, als was wir jetzt "naturnotwendig" nennen. Die Griechen stritten ja auch — wie eben erst erwähnt — darüber, ob die Worte durch einen Gesetzgeber oder natürlich entstanden seien. Derselbe Streit betraf die Welt, den Staat usw. Die alten Materialisten, welche den Zufall lehrten, meinten eigentlich die natürliche Entwicklung, nur dass ihnen der Begriff der Entwicklung und der naturgesetzlichen Notwendigkeit noch nicht aufgegangen war. Als dann der Wortrealismus aufkam und eigentlich bereits von Platon, bereits zwei Jahrtausende vor Hegel die Entstehung der Welt aus Begriffen gelehrt wurde, da wurde der Zufall zur Bezeichnung des Nebensächlichen, des Unwesentlichen, des Unlogischen, dessen also, was in den Worten — das heißt nach unserer Lehre: den Hypothesen oder Gesetzen — nicht mitbezeichnet war. Der neuere Realismus glaubt nun frei geworden zu sein, wenn er den Zufall als einen relativen Begriff erkannt hat. Ich habe oben schon gesagt, dass er ein relativer und negativer Begriff ist und daß, wenn man erst die Unhaltbarkeit der positiven Begriffe erkannt hat, zu denen er einen Gegensatz bildet, das Wort ganz gegenstandslos wird.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 11:30:41 •
Seite zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright