Technische und Gemeinsprache


Und nun frage man sich, was wohl von dem Gegensatze zwischen der Umgangssprache und der technischen Sprache der Wissenschaften zu halten sei. Whewell legt in seinen Aphorismen großen Wert darauf, dass Worte der Gemeinsprache, wenn sie als technische Ausdrücke in die Wissenschaft eingeführt würden, genau definiert und von jeder Zweideutigkeit befreit werden müßten. Die strenge Durchführung dieser Regel hat seit einigen hundert Jahren — denn die Forderung ist älter, als man glaubt — zu einer teilweisen Befreiung der Naturbeschreibung von dem Wortaberglauben des Altertums geführt. Doch zu einem brauchbaren Werkzeug der Erkenntnis kann auch der technische Ausdruck nicht werden.

Es hat Zeit genug gekostet, bevor einzelne scharfdenkende Männer zu der Entdeckung kamen, dass die Worte der Umgangssprache durchaus nicht so klar und bestimmt seien, wie das gemeinhin der redende Mensch wohl heute noch glaubt. Das Gefühl der Unzulänglichkeit der Umgangssprache scheint mir (von Sokrates abgesehen) bei Descartes zum erstenmal lebhaft aufzutreten. Das mag damit zusammenhängen, dass er zu den ersten Gelehrten gehört, die seit tausend Jahren auch in ihrer Muttersprache schreiben. Seitdem hat sich mehr und mehr das Bedürfnis entwickelt, zwischen den Worten der Umgangssprache und den technischen Ausdrücken zu unterscheiden. Jede wissenschaftliche Disziplin besitzt ihre eigene technische Sprache, deren Abgrenzung harte Arbeit gekostet hat, und so wird es allen Wissenschaften schwer fallen, zuzugestehen, dass auch der technische Ausdruck kein Werkzeug der Erkenntnis sein könne.

Wollen wir unsere Umschau über die technischen Ausdrücke der Erfahrungswissenschaften zusammenfassen, so müssen wir zu dem Bilde zurückkehren, das schon einmal in dieser Untersuchung gebraucht worden ist. Wir haben gesehen, dass z. B. die Arten der Blütenstände, die für uns zu Einteilungsgründen einer Pflanzenklassifikation werden, einen adjektivischen Charakter erhalten. Ich verweise dazu auf die Einsicht, welche unsere Kritik der Grammatik in das Wesen des Adjektivs gewährt. Und wenn wir dazuhalten, dass alle unsere Naturerkenntnis Naturbeschreibung bleiben muß, dass das Gedächtnis der Menschheit oder die Sprache niemals über adjektivische Merkmale, das heißt über bildliche Vergleichungen der Dinge hinausgelangen kann, so wird sich schon theoretisch ergeben, wie auch der technische Ausdruck an denselben Mängeln leiden muß wie jedes Wort der Gemeinsprache. Wir haben in anderem Zusammenhange gesehen, wie aller Fortschritt des Menschengeistes immer nur die Häufung genauerer Beobachtungen ist. Ob nun die genaueren Beobachtungen sich innerhalb einer gelehrten Disziplin wachsend weiter erben, wie z. B. die Beobachtungen des Mondes, oder ob sich die genaueren Beobachtungen innerhalb irgend einer Berufsklasse forterben, wie z. B. die genauere Beobachtung und Unterscheidung der Weinsorten, es ist in beiden Fällen eine Grenze zwischen Umgangssprache und technischer Sprache nicht zu ziehen. Man lasse sich nicht täuschen von dem Unterschiede an geistiger Arbeit, die hier oder dort zu den Beobachtungen nötig war. Wir schätzen die Bildung des Astronomen, der den Mond genauer beobachtet und gemessen hat als alle seine Vorgänger, höher ein als die des Kellermeisters, der jeden Wein einer Gegend nach Lage und Jahrgang zu unterscheiden weiß. Niemand wird die Sachkenntnis des Kellermeisters ernsthaft eine wissenschaftliche Disziplin nennen; aber wir müssen endlich einsehen, dass auch die genaueste Beobachtung des Mondes nur eine Beschreibung seiner adjektivischen Erscheinungen ist und dass in aller Zukunft die Beschreibung des Mondes nicht vollendet, die Erklärung des Mondes nicht erreicht werden könnte. Die technischen Ausdrücke des Kellermeisters und des Astronomen sind gewiß nicht gleichwertig vom Standpunkte des Gehirnverbrauchs; sie sind gleichwertig vom Standpunkte der Sprachkritik.

Der Kellermeister oder Weinkundige geht mit der Fülle seiner technischen Ausdrücke weit über die Umgangssprache hinaus, weil die Feinheit seiner Geschmacksempfindung die des Alltagsmenschen übertrifft. Wo der ungebildete Trinker nur etwa süß und sauer unterscheidet und wohl nachträglich die starken oder leichten Rauschwirkungen, wo der geübte Weinkenner schon ein Dutzend differenzierte Geschmacksempfindungen kennt und mit einem Dutzend von Ausdrücken bezeichnet, die in seinen Kreisen zur Umgangssprache gehören, der allgemeinen Volkssprache gegenüber aber schon technische Ausdrücke sind, da geht der geübte Kellermeister noch viel weiter. Wie weit? Das ist nun sehr merkwürdig. Er hat gewiß noch eine Menge technische Bezeichnungen, die über die Kenntnis des fein organisierten Weinschlemmers hinausgehen. Zuletzt aber hat auch die Zahl seiner technischen Ausdrücke früher ein Ende als die Zahl seiner Weinbeobachtungen oder Weinerinnerungen. Angenommen, unser Fachmann habe dreißig Lagen aus zwanzig verschiedenen Jahrgängen in seinem Keller, also sechshundert verschiedene Sorten. Angenommen (was wohl vorkommen mag), der würdige und in seinem Fache gelehrte Mann könne jede dieser sechshundert Sorten nach einer Probe von allen anderen unterscheiden. Er wird nun mit einer Anzahl von Adjektiven jede dieser sechshundert Sorten beschreiben können. Aber weder wird diese Beschreibung einem Anderen als einem Fachgenossen ohne Probe eine Vorstellung von dem Weine geben, noch wird der Kellermeister auch nur annähernd sämtliche Sorten gesondert beschreiben können. Die Nuancen der Geschmacksempfindung werden feiner sein als die Nuancen der technischen Ausdrücke. Man achte nun wohl darauf, wie sich die Sprache unseres Fachmannes hilft und wie er sich mit seinen Schülern, den gebildeten Weintrinkern, verständigt. Die adj ektivischen technischen Ausdrücke versagen. Er kennt aber den Geschmack jeder der sechshundert Sorten, welche nach Lage oder Jahrgang verschieden sind. Der Kellermeister bildet also aus Lage und Jahrgang für jedes Faß eine Art Eigennamen, z. B. 89er Deidesheimer Leinhöhle. Rühren ihm nun Geschmack und Geruch dieses AVeines die Nerven auf, so erinnert er sich an diesen Eigennamen. Er verfügt über sechshundert Eigennamen, wo ein armer Teufel vielleicht höchstens den Gesamtbegriff Weißwein kennt. Diese Eigennamen werden aber im Verkehr unter Wreinkennern zu technischen Ausdrücken, und in der Sprache der Weinkarten bedeutet — da es aus mancherlei Gründen, schon wegen der Nachfüllung der Fässer, ursprungsreinen Wein kaum gibt — nun der Eigenname "89er Deidesheimer Leinhöhle" für die Fachleute nichts Anderes, als dass der unter diesem Namen käufliche Wein sich am nächsten mit jenem Fasse unseres Kellermeisters vergleichen lasse. Wir können diesen alltäglichen Vorgang allgemein so ausdrücken, dass die Sprache den Ergebnissen der genauesten Beobachtung nicht folgen könne, dass die technische Sprache auf dem Gipfel ihrer Ausbildung zu dem Ursprung der Sprache zurückkehren müsse, zu der instinktiven Vergleichung von Sinneseindrücken. Eine geschlossene Gesellschaft von Fachleuten, seien sie Astronomen oder Weinkenner, besitzt also einen Vorrat technischer Ausdrücke, die zu der Umgangssprache dieser geschlossenen Gesellschaft gehören, die aber auf der jeweiligen Höhe der Sachkenntnis immer wieder bildliche Erinnerungen an Sinneseindrücke sind, also nicht mehr wert als die Worte der allgemeinen Umgangssprache.

Ich könnte mir wohl die Mühe sparen, zu bemerken, dass das Beispiel vom Kellermeister durchaus kein Ausnahmsfall ist. Ebensolche Spezialkenntnisse, an welche auch die technische Sprache seiner Zunft nicht heranreicht, besitzt der geübte Einkäufer von Tee, von Tabak, von Weizen, von Baumwolle usw. usw. Hundert Unterscheidungen, die uns Laien nicht aufgehen, macht der Fachmann, wie man sagt, nach seinem Gefühl. Und diese Nervenfeinheit wird vom Händler teuer bezahlt. Das geht noch weiter; dieses Gefühl, das sich sprachlich nicht genau definieren läßt, besitzt jedermann innerhalb seines täglichen Berufs. Wir sind es nur nicht gewohnt, an die Sprache so große und genaue Anforderungen zu stellen. Die letzte Genauigkeit der Beobachtung geht immer über die Sprache hinaus. Die Köchin könnte es nicht sprachlich ausdrücken, was sie durch minimale Zusätze von Salz und Gewürzen der Suppe an Wohlgeschmack zu verleihen weiß. Der Tischler, der über den Sprachgebrauch des Laien hinaus verschiedene Bohrer und ihre Bezeichnungen kennt, könnte es nicht sprachlich ausdrücken, was er doch im Gefühl hat, wie er den Bohrer j e nach Härte und Struktur des Holzes etwas anders ansetzt und bewegt. Endlos ließen sich die Beispiele fortsetzen. Alle ergäben die Einsicht, dass die genauer beobachtete Wirklichkeit jedes Interessenkreises eine engere Umgangssprache erzeugt und erfordert, die sich für die Außenstehenden als technische Sprache abzusondern scheint, und dass schließlich die Sprache überhaupt versagt. wo die Wirklichkeit am genauesten beobachtet wird.

Dieser Umstand hat nun im praktischen Leben die Folge, dass durch die Sprache allein eine bestimmte Technik nicht auf die Nachwelt gelangen kann. Keine Technik ist in einem Buche zu erschöpfen. Wer eine Glasfabrik anlegen will, muß selbst Glasarbeiter sein oder geschulte Glasarbeiter anwerben. Geht das Nervengefühl einer solchen Interessengruppe aus irgendwelchen Gründen (aus Mangel an Bestellungen z. B.) verloren, so ist damit auch die Technik verloren gegangen. So ging die Technik der Glasmalerei verloren und manche andere Maltechnik. Nicht aus Büchern, nicht durch die Sprache, also durch die Wissenschaft, konnte die tote Technik wiedergeboren werden, sondern nur durch neue Erfahrungen, neue Einübung der Nerven. Die elementarsten Sinneseindrücke mußten die aufbewahrten Worte neu verstehen lehren.  


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