Tautologien


Man achte Wohl darauf, dass wir die Definition als eine reine Tautologie erkannt haben, eine Tautologie, die nur den Wert hat, unserer Aufmerksamkeit bequeme Merkzeichen zu bieten. So ist in der Algebra jede Gleichung eine Tautologie, die es unserem Interesse und seiner Aufmerksamkeit leicht macht, die beiden gleichgesetzten Formeln zu vergleichen; wobei es symbolisch ist für unser Denken, dass die Mathematiker sich gewöhnt haben, die Formeln so lange zu bearbeiten, bis auf der einen Seite des Gleichheitszeichens die 0 steht, die selber gleichmachende Gewalt hat wie der Tod. Ist nun der Satz nur ein Bruchteil der Definition, die sicherlich eine Tautologie oder eine Null als Äquivalent der Beziehung der Gleichheit ist, so ist der Satz oder das Urteil weniger als eine Tautologie, weniger als nichts. Dieses grausame Ergebnis ist der wissenschaftliche Ausdruck dafür, dass der weitaus größte Teil der im Verkehr der Menschen geredeten Sätze ein Geschnatter ist, ein leeres Geschwätz, in welchem wir uns nicht einmal auf die Bedeutung der Worte besinnen. Der Wert all dieser noch untertautologischen Sätze ist logisch weniger als Null.

Wie wenig kommen wir in der Kenntnis weiter, wenn wir (der gemeinste Fall) von einem Subjekt seinen höheren Artbegrifi aussagen, ihn zu seinem Prädikat machen. Der Schüler bekommt sogar eine gute Zensur, Wenn er sagt: "Der Hund ist ein Säugetier." Und das zweijährige Kind erhält einen Kuß, wenn es lallt: "Das da (ohne Kopula und Artikel) Wauwau."

Hunderttausende von Jahren hat die Menschheit Milliarden von Hunden gesehen und langsam, langsam den Begriff "Hund" in ein Wort gefaßt, Tausende von Jahren hat sie gebraucht, um die Hunde unter den Begriff der säugenden Tiere (das Säugen schien uns wesentlich) zu fassen. Wer nun den Begriff richtig gebraucht, Wer einen Pfennig aus dem Kasten zieht, wohinein die Ahnen Millionen Pfennige getan haben, vollführt kein größeres Kunststück, als wer einen Apfel mit seinen Fingern festhält und ihn so zum Munde führt.

Was wir da lernen, ist und bleibt immer nur die Sprache. Und Wenn wir die Sprache bis zu ihrem logischen Ideal fortentwickelt hätten, wir kämen mit den ewigen Tautologien von Definitionen und daraus hervorgesponnenen Urteilen nicht weiter, es wäre eine ewig sich drehende Mühle ohne Getreide, wenn nicht von Zeit zu Zeit das Genie eine neue Beobachtung, eine neue Entdeckung zwischen die mahlenden Steine würfe.

Sonst sind alle Urteile Tautologien oder noch wertlosere Sätze. Entweder ich gehe vom Angeschauten aus und sage: "Das da ist Wasser," oder ich gehe vom fertigen Begriffe aus und sage: "Wasser ist flüssig." Das erste Mal ist die Denktätigkeit so minimal, dass es für gewöhnlich nicht einmal bis zum sprachlichen Ausdrucke kommt; nur wenn ein Zweifel vorhergegangen ist, pflegt so etwas besonders in Worten gedacht oder gesagt zu Werden. Das zweite Mal liegt die Tautologie auf der Hand; denn wer "Wasser" denkt, denkt die Eigenschaft "flüssig" schon mit. Und so sehr hinkt die Sprache der Erkenntnis nach, dass sie noch wie in Urzeiten für gefrorenes und für gasförmiges Wasser völlig irrationale Worte hat. "Eis" und "Dampf", während unsere Kenntnisse verlangen würden, dass sich in den Worten die Identität der Substanz irgendwie ausspräche.

Meine Behauptung, dass ein Satz entweder die Erkenntnis vermehre und sich dann niemals mit ganz entsprechenden Worten ausdrücken lasse oder dass — also fast immer — er höchstens eine Tautologie sei, ist schwer demjenigen klar zu machen, der sie nicht wie ein Axiom einsieht. Der Sprachkritiker kann so wenig wie ein anderer Mensch auf seinen eigenen Rücken springen. Und man könnte mir entgegenhalten, dass ja die Sätze "Wasser ist flüssig", "Wasser ist durchsichtig", "Wasser ist naß" den gleichen Inhalt haben müßten, wenn sie nur schwatzhaftere Tautologien neben dem Begriff Wasser wären.

Darauf erwidere ich, dass nur die Aufmerksamkeit wechselt, nicht die Kenntnis. Wie auf meiner Netzhaut das Bild eines Schmetterlings erscheint und es in meinem Belieben, das heißt in meinen Zwecken liegt, ob ich oberflächlich die ganze Erscheinung betrachte oder ob ich die Augen, die Flügel, die Füße, die Antennen auf den Fleck des deutlichsten Sehens einstelle, ob ich endlich an den Antennen nur die einzelnen Glieder untersuchen will oder ob die Antennen gesägt oder gekämmt sind: so kann ich sowohl den Begriff als das Einzelobjekt "Wasser" entweder ohne scharfe Einstellung des Denkens zusammendenken oder auch augenblicklich auf die Flüssigkeit, Nässe oder Durchsichtigkeit hin ansehen. Genau betrachtet gehören diese Eigenschaften doch immer schon zum Begriff wie zur Anschauung.  


 © textlog.de 2004 • 26.06.2017 00:41:20 •
Seite zuletzt aktualisiert: 29.05.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright