Stoff


Die Begriffsgeschichte des Wrortes "Stoff" in Verbindung mit einer detaillierten Darstellung des Laut- und des Bedeutungswandels von "Stoff", "Materie", "Substanz", "Subjekt", "Substrat" usw. müßte eine ganze Geschichte des Materialismus und, da diese Weltanschauung nicht ohne ihre Gegensätze zu verstehen ist, eine Geschichte der Philosophie werden. Doch schon wenige Notizen werden uns helfen, den Grundbegriff der materialistischen Hypothese kritisch zu betrachten.

Das Wort "Stoff" kommt erst im Neuhochdeutschen vor. Wahrscheinlich stammt es von dem lateinischen stuppa (Werg); damit mag das deutsche "stopfen" zusammenhängen, aus diesem wieder wurde in den romanischen Sprachen "stoffo", "étoffe", und dieses Wrort kehrte ins Deutsche als Stoff zurück. Ist diese Wortgeschichte richtig, so liegt der Stoffbegriff etymologisch und sachlich vielleicht auch schon in "steppen" vor. Der Steppstich ist die Arbeit, welche dem Füllsel, dem Futter, die Form gibt, und wir hätten da schon den metaphysischen Gegensatz, der von Aristoteles bis heute unaufhörlich bearbeitet worden ist: den Gegensatz zwischen Stoff und Form einerseits, zwischen Stoff und Kraft anderseits.

Im Französischen bezeichnet etoffe nicht den metaphysischen Begriff der Materie, weil die Franzosen dafür in ihrer Gemeinsprache das Wort matiere haben. Etoffe bedeutet, was wir im Deutschen Zeug nennen; nur etwa der Hutmacher versteht unter étoffe auch die Rohmaterialien (hinter dem metaphysischen Begriff steckt aber immer die Vorstellung von einem Rohmaterial), und bildlich sagt man auch wohl il y a en lui l'étoffe, er hat das Zeug dazu. Im Deutschen ist neuerdings erst an Stelle des technischen Ausdrucks "Materie" das scheinbar verständlichere Wort "Stoff" getreten. Das aber natürlich in dem Augenblicke technisch würde, als man Materie damit übersetzte.

Es ist mir nicht ausgemacht, welcher von den Scholastikern das Wort materies als Terminus für das ältere Wort Substanz einführte. (Viele Belege in Eislers "Wörterbuch der philosophischen Begriffe" unter dem Schlagwort "Materie".) Substanz wieder, noch besser Substrat oder Subjekt in der alten Bedeutung, war eine mechanische lateinische Übersetzung von hypokeimenon, womit Aristoteles vorsichtig und nichtssagend ein primitives Ding-an-sich bezeichnete, das, was den Dingen, wie wir sie durch unsere Sinne wahrnehmen, zugrunde liegt, das Unwahrnehmbare, das Objektive an den Dingen. Die ganze zweitausendjährige Entwicklung steckt darin verborgen, wenn wir z. B. in dem Satze "der Schnee ist weiß" die subjektiv wahrgenommene Erscheinung, auf die wir eben unsere Aufmerksamkeit richten, das Prädikat nennen, das objektive Ding jedoch das Subjekt. Eine andere Richtung der Aufmerksamkeit erkennt den Schnee als einen besonderen Zustand des Wassers. Wieder eine strenge Aufmerksamkeit hat das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Immer aber bleiben für uns die letzten Elemente, die wir beobachten können, der objektive Stoff, den wir darum zum Subjekt unserer Sätze machen. Wer diese psychologische Tatsache richtig versteht, der hat den tiefsten Widerspruch in allen materialistischen Weltanschauungen erkannt. Ich möchte sagen, dass der Materialismus eine vorpsychologische Weltanschauung ist. Und wenn — wie ich glaube — Kants Kritik der reinen Vernunft nicht mehr und nicht weniger ist als die große Tat, welche alle Metaphysik und Begriffsphilosophie vom Throne stürzte, um Erkenntnistheorie, das heißt Erkenntnispsychologie an ihre Stelle zu setzen, so sollte der Materialismus nach Kant nicht mehr ernst zu nehmen sein. Wie man den Antisemitismus einen Sozialismus des dummen Kerls genannt hat, so wäre der Materialismus die Philosophie des dummen Kerls zu nennen. Wie man aber vielleicht eine Nebenerscheinung des Antisemitismus dereinst schätzen lernen wird, dass er nämlich durch seine Angriffe auf die jüdischen Religionsbücher auch an den Fundamenten der christlichen Dogmatik rüttelte, so soll es dem Materialismus unvergessen bleiben, dass er von Epikuros bis auf die Gegenwart immer die roheste Form des Aberglaubens bekämpft hat. Für die Aufklärung der Halbgebildeten hat der Materialismus sehr viel getan; wir können aber trotzdem nicht darüber hinwegkommen, dass der Materialismus, wenn er sich für Welterkenntnis ausgibt, ebenso tief wie irgend ein idealistisches System in Wortaberglauben verrannt ist.


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