Sprachkritik


Aus der Weltanschauung des Engländers Spencer erklärt sich sein Wunsch, Wissenschaft und Religion in der gleichen Formel ausklingen zu lassen, also die Religion zum hundertstenmal zu retten, das Wort wenigstens. Als Forscher versucht er nichts Anderes als was Aristoteles, mit dem Wissen seiner Zeit ausgerüstet, schon versucht hatte und was jeder Systembändiger oder Philosoph seitdem versucht hat; das Sein, wie es sich in seinem Gehirn spiegelt, mit dem Sein draußen, mit der begreiflichen Wirklichkeitswelt in Einklang zu bringen. Das Sein im Gehirn ist aber nichts als das Denken oder die Sprache; sie je nach dem Stande der Beobachtungen in Einklang zu bringen mit sich selbst, mehr kann der Philosoph nicht wollen. Und solange er an sie glaubt, solange er den großen Abstraktionen nicht die Maske vom Totenkopf gerissen hat, solange er diesem Symbol nicht ins Gesicht lacht, solange narrt es ihn mit seiner Mythologie, und der Begriff findet immer neue Worte, sich an sie zu klammern, wenn die alten morsch geworden sind. Die Sprache ist nicht stolz; sie wird sich noch an die physikalischen Universalien "Kraft" oder "Stoff" halten, wenn der Gott den Weg der Götter gegangen ist. Erst die Sprachkritik, erst die Einsicht in den Unwert der Worte, wird dem Religionsbegriff die letzte Stütze nehmen. Die Sprachkritik erst wird lehren, dass der Glaube sich immer und überall derjenigen Worte bemächtigt, die unser bißchen Wissen fortgeworfen hat.

Alle Religion ist alte Wissenschaft (I. 173).

Ist also all unser Wissen und Glauben nur in den Worten der Sprache, in den von den Unter- und Obertönen ihrer Geschichte umschwebten Worten, so ist der reinste Religionsbegrifi kein Wissen und auch kein Glauben, sondern ein Erleben im Leben des Glücklichen, der das Gefühl der Ehrfurcht kindlich empfindet, das ihm Religion ist. Dieses Erleben ist nicht mitteilbar, kennt keine Bücher und keine Dogmen, begnügt sich mit Liedern. Den Dienern am Wort sind die edlen Pietisten immer Ketzer gewesen. Der pietistische Ketzer drängt mit sehnsüchtiger Seele über das Wort hinaus nach einer sprachlosen Verbindung von Seele zu Seele.

Etwas von diesem edlen Pietismus steckt verborgen in einer Klage, welche oft gegen die Sprache laut geworden ist und welche nicht mit einer erkenntnistheoretischen Sprachkritik verwechselt werden sollte. Meine Kritik der Sprache und diese aus Überschätzung entstandene Geringschätzung der Sprache haben wenig miteinander gemein. Kaum mehr als das Gefühl der Unzufriedenheit. Unzufriedenheit mit der Sprache ist uralt. Besonders bei Menschen, deren alleiniges Handwerkszeug die Sprache war und die ihr Handwerkszeug in ihren Händen zerbrechen fühlten. Schon bei Dante klingt diese Klage oft durch, der Geist könne mehr denken als aussprechen; mehr sprechen als mitteilen. (Thomas?) Engel haben keine Sprache, weil sie im Anschauen Gottes alles Wissen besitzen und einander nichts mitzuteilen brauchen. Wie ein Pferd sei die Sprache für den Geist; der beste Reiter habe das beste Pferd nötig. Der junge Dante hatte der Sprache vertraut; erst der Dichter der Commedia verzweifelt fast an ihr. Und weiß in seiner Phantasie Vorstellungen, die er nicht sagen und nicht denken zu können meint (Simmel, Dantes Psychologie).

Es ist natürlich, dass diese bescheidene, noch unkritische Sprachverzweiflung besonders von Gedankendichtern geäußert wird. Am schärfsten vielleicht ist sie ausgesprochen in dem bekannten Epigramme Schillers:

"Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen?

Spricht die Seele, so spricht, ach! schon die Seele nicht mehr."1)

Ähnlich ist die Sehnsucht nach einer unmittelbaren Seelensprache unzähligemal ausgesprochen worden, von Byron und Novalis, von Wagner und Nietzsche, von Emerson und Maeterlinck, und nachgesprochen und nachgeseufzt. Verzerrt ist das schöne Gefühl von Grabbe, als dieser Goethe und Byron zugleich übertrumpfen wollte. Da sagt der Grabbesche Mephisto zum Grabbeschen Faust: "Nur was Ihr in Worte könnt fassen, könnt Ihr denken." Faust lernt, die ganze Menschheit sei nur Geschwätz; aber der posierende Mephisto Grabbes versteigt sich dabei zu der Absurdität, "die Sprache sei größer als der Mensch".

In reiner Form begegnen wir dem schönen Gefühl oft und oft bei Goethe. Wie aber diese pietistisch-dichterische Kritik der Sprache eigentlich sentimentalisch ist, meine erkenntnistheoretische Sprachkritik jedoch hoffentlich naiv, so ist — wie wir immer wieder erfahren haben — Goethe innerst durchdrungen von der Wertlosigkeit der Schillerschen Klage, von der Unvereinbarkeit zwischen Sprache und Erkenntnis. Harte Urteile über die Worte stehen an einer bedeutenden Stelle seines "Wilhelm Meister". Und vielleicht hat er den geheimen Sinn der "Wanderjahre" verraten durch den Untertitel "Die Entsagenden". Es widerspräche nicht dem Goetheschen Sprachgebrauch, der einmal das Wort "sich entscheiden" (botanisch, offenbar nach dem französischen dégaîner) etwa in der Bedeutung von "die Scheide verlassen" wagt, wenn "entsagen" soviel hieße wie "auf die Sprache verzichten". Denn es ist wohl ein Grundgedanke der "Wanderjahre": "Tun ohne Reden muß jetzt unsere Losung sein". Wußte Goethe am Ende, dass er damit eine Lieblingsidee der griechischen Skeptiker aufnahm? Sie leiteten aus unserem Nichtwissen die Pflicht ab, sich im Urteile zurückzuhalten, ja sich jeder Behauptung zu enthalten. Und für diese Enthaltung, für diese letzte Resignation (resignare im Sinne von verzichten ist eine seltsame Metapher, die vom "Entsiegeln" einen weiten Weg genommen hat) hatten die Griechen seltsamerweise neben anderen Bezeichnungen auch die: Aphasie. Der letzte Verzicht des Denkens war auch ihnen ein Entsagen, ein Absagen, ein Verzicht auf das Wort.

Ein Entsagender war dann zur Lutherzeit der faustische Agrippa von Nettesheim. Die Widmung seines kostbaren Werkes "de incertitudine et vanitate scientiarum atque artium" schließt er mit dem Rufe: Nihil scire'felicissima vita. Und mit selbstbewußt lachendem Zynismus, mit überlegener Resignation setzt er dem Programm des Buches die folgenden Worte hinzu:

Inter divos nullos non carpit Momus.

Liter heroas monstra quaeque insectatur Hercules.

Inter Daemones rex Herebi Pluton irascitur omnibus umbris,

Inter philosophos ridet omnia Democritus.

Contra deflet cuncta Heraclitus.

Nescit quaeque Pyrrhias,

Et scire se putat omnia Aristoteles.

Contemnit cuncta Diogenes.

Nullis hie parcet Agrippa,

Contemnit, seit, neseit, flet, ridet, irascitur, insectatur, carpit omnia.

Ipse philosophus, daemon, heros, deus et omnia.

 

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1) Diese Wortzusammenstellung von "Seele" und "Sprache" war Schiller geläufig.

"Schlimm, dass der Gedanke

Erst in die Elemente trockner Silben

Zersplittern muß, die Seele zum Gerippe

Verdorren muß, der Seele zu erscheinen."

Mögen diese Zeilen wirklich ursprünglich der Szene im Karthäuserkloster angehört haben (Elster, Entstehungsgeschichte des Don Carlos), oder der ersten Szene zwischen Posa und Carlos (hinter: "In Worten erleichtert sich" usw.), jedenfalls schwebt dem Dichter nicht ein Gegensatz von zusammenhängender Sprache und ihren Teilen vor, sondern immer der sentimentale Gegensatz von Seele und Sprache. Er hätte sonst, als er das Fragment erst gegen Körner (1786), dann gegen Charlotte (1789), endlich gegen W. v. Humboldt (1796) aus der Erinnerung zitierte, nicht unbewußt aus "Silben" zunächst "Worte" und dann "Sprache" gemacht.


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