Spinoza


Wie es eine theologische Richtung gibt, welche den historischen Christus aufgibt und dennoch den Begriff oder das Wort "Christentum" festhält, so ist überhaupt dem Wort rein historisch nicht beizukommen. Eine Sprachkritik, die nur historisch-philologisch wäre, könnte eben den ganzen Fetischismus der Sprache bestehen lassen. Die Philosophie kann ohne Sprachkritik, ohne diese letzte, sich selbst zerstörende Tat des Denkens, wohl bis zum Atheismus gelangen; vom Religionsbegriff sich befreien kann sie nicht, wie die beiden tiefsinnigen Atheisten Spinoza und Schopenhauer lehren.

Spinoza nämlich war gar nicht gottlos; wie das ja von selbst klar ist, da er doch das Wort besaß und mehr als das Wort an seinem Deus ohnehin nicht zu haben schien. Wie immer man sich zu der Frage stelle, ob nämlich Spinoza seinen Pantheismus nur als Kulisse für Atheismus benützt oder ehrlich an seinen Deus sive Natura geglaubt habe — immer muß man erkennen, dass er ohne Mythologie nicht auskam. (Man vergleiche in meinem "Wörterbuch der Philosophie" den Artikel "Spinozas Deus".) Auch wenn er den Deus nur als Maske gebraucht haben sollte, schrieb er doch seine Natura mit großem N und machte sie so zu einem mythologischen Wesen, wie z. B. amor noch etwas Wirkliches bezeichnet, Amor aber den "Gott" der Liebe. Und so unfrei steht Spinoza diesem Worte gegenüber, dass er in der Ausmalung des weisen Seelenfriedens, der Gottesliebe, ganz und gar nicht hinter Augustinus zurücksteht, der die Welt verachtet und nur ein Leben in und für Gott lebenswert fand. Wenn wir nun bedenken, dass wir heute nicht mehr das Altertum, sondern das Mittelalter zum lebendigen Feinde haben (das Altertum ist tot, seine Renaissance ist zu Ende), dass die uns feindliche Weltanschauung nicht die kindlich-weltliche des Aristoteles, sondern die gottselige des heiligen Augustinus ist, so werden wir bei aller Ehrfucht vor Spinoza bekennen müssen, dass er uns von der Theologie nicht zu befreien vermochte. Er war der erste und wohl der beste der Männer, welche die blutrünstige Macht der Kirche erkannten; das Wort mußte er lassen stahn. Es ist in aller Logik tief eine Theologie begründet, was allein beweisen würde, wie töricht Logik ist.


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Seite zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 
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