"Schwere"


Ich füge eine sprachliche Erinnerung ein.

Selbst die Grundbegriffe der handgreiflichsten Wissenschaft, der Mechanik, sind tote Worte, und es ist bezeichnend dafür, dass selbst die Genies, die einen neuen Begriff einführen wollen, in der Wahl seines Namens ebenso schwankend sind wie unklar in seiner Erklärung. Immer erst die abschreibenden Nachfolger fixieren die Grundbegriffe, so wie auch andere Dogmen nicht von den Stiftern, sondern von ihren Schülern festgesetzt wurden.

So führte Galilei für die augenblickliche Kraftwirkung eines bewegten Körpers den Ausdruck Moment ein, erklärt dies aber an dem Beispiel des Falles fast geschwätzig (Discorsi e dimostr. mat. XIII. 3. 174): Fimpeto, il talento, l'energia, o vogliamo dire il momento di discendere.

Er will nichts als dem alten Begriffe der Kraft eine zahlmäßigere Formulierung geben. Er will streng mechanisch sein und gebraucht doch im selben Augenblick von der objektiven Kraft Bezeichnungen wie Talent oder gar Tugend, die auf einen subjektiven Willen schließen lassen müßten.

Der geheime Grund, weshalb selbst die robuste Mechanik nebelhafte Worte zu ihren Grundbegriffen ernennen muß. liegt in der immer noch nicht allgemein genug durchschauten Armut der Mathematik. Mathematik ohne materielle Unterlage ist wie eine Küche ohne gefüllte Speisekammer. Das glänzt von den Wänden, brodelt im Wassertopf, aber keine Maus kann satt werden. Aus Nichts wird Nichts, und aus Mathematischem wird nie etwas Anderes als Mathematisches, wird nie Wirkliches.

War also Galilei eben auch unfähig, seine genialen Beobachtungen sprachlich tadellos festzuketten, so war der Philosoph Cartesius in seiner Kritik des Galilei formell im Recht und schreckte darum vor Albernheiten nicht zurück, wegen deren ihn heute jeder Schulknabe auslachen darf.

"Galilei, sagte er (lettres II. 91 Seite 391. Paris 1659), hätte zuerst bestimmen müssen, was die Schwere sei, und wenn er darüber das Richtige wüßte, so würde er auch wissen, dass sie im leeren Räume gar nicht vorhanden ist." Der Schuljunge von heute, der da über den großen Cartesius lachen kann, weiß seit Newton, dass die Schwere die Gravitation ist und dass sie durch den "leeren" Raum wirkt. Schuljungen und ihre Lehrer aber scheinen nicht zu wissen, dass auch der Grundbegriff Gravitation ein hilfloses Wort für eine gewiß gewaltige Hypothese war. Newton sagt eben "Schwerigkeit" anstatt "Schwere".

Es wird selbst dem großen Engländer vielleicht nicht bewußt geworden sein, warum er mit dem alten Worte nicht auskommen konnte; aber sein bewunderungswürdiger Takt lehrte ihn, dass es aus sei mit dem bisherigen Grundbegriff. Bis auf Newton war es die zuverlässige Eigenschaft jedes anständigen Körpers, so und so schwer zu sein, soundsoviel zu wiegen. Da kam Newton und sagte: die Schwere sei eine gegenseitige Frage zwischen Erde und Pfund, wie zwischen Erde und Mond und zwischen Sonne und Erde. Wenn nun ein Pfund nicht mehr unter allen Umständen ein Pfund war, dann war das Wort nicht mehr zu brauchen. Der Mond war nicht soundsoviel Zentner schwer, sondern hatte zur Erde die und die Schwerigkeit. Die Erde wog nicht, sondern wuchtete für die Sonne in dem und dem Verhältnis. Diese ganze Begriffsgruppe hätte sprachlich geändert werden müssen, wenn die Hypothese Newtons Gemeingut geworden wäre. Aber wie immer in solchen Fällen bleibt die Sprache das grobe Werkzeug der konservativen Masse, und der neugefundene Grundbegriff muß von jedem Nachkömmling zwischen den Zeilen der Sprache neu gefunden werden. Doch zurück zu unserem Gedankengange.

 

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