Ordnung


Anstatt scholastisch mit diesem Begriffe Ordnung zu spielen, will ich an eine alltägliche Tatsache des Bewußtseins erinnern, um mir selbst zu deutlicher Ahnung zu bringen, wie es doch wohl die menschlichen Zufallssinne sein mögen, welche eine subjektive Ordnung in die Welt hineintragen.

Oft gehe ich nach Mitternacht, müde und still, nach getaner Arbeit durch den Wald nach Hause. Dann bemerke ich verhältnismäßig viel von dem, was meine Sinne wahrnehmen. Und doch: achte ich nur auf meinen Zufallssinn des Gehörs, so ist es gewiß, dass (um in der Sprache der Akustik zu reden) unzählige Schwingungsrichtungen einander kreuzen. Da kann auf der Erde und in dem fernsten Bollen der Gestirne keine Welle sein, deren letzte Ausläufer nicht mein Ohr träfen. Ich aber höre nicht den Donner der Sonne, nicht die Brandung der Nordsee, nicht einmal den dumpfen nächtlichen Schritt der Großstadt. Ich höre auf dieser nächtlichen Wanderung aber deutlich jedes AVehen des Windes in den Kieferkronen, ich höre das Rascheln jedes welken Blattes auf dem Boden, ich höre den Flug des Nachtschmetterlings, das Zirpen der träumenden Vögel, ich höre von fern her, aus den Nachbardörfern, das Anschlagen der Hunde, ich höre rechts und links aus weiter Ferne das Geräusch der Eisenbahnzüge, ich höre meine eigenen Schritte. So höre ich aus den sich kreuzenden millionenfachen Schallwellen einige Dutzend Gruppen heraus, die kräftig genug sind für meine Nerven und die meinen Nerven bekannt sind. Und nun bei Tage. Ich stehe in der Großstadt an einer Straßenecke, um auf meine Straßenbahn zu warten. Hier umschwirren mein Ohr vergebens die Millionen einander kreuzender Schallwellen, von denen ich ihrer Schwäche wegen nichts wahrnehme. Aber auch von den Schallwellen, die bei Nacht durch ihre Stärke mich verletzen würden, umtoben mich gleichzeitig tausende. Hunderte von Menschen gehen an mir vorüber, und ich würde jeden einzelnen Schritt hören, wenn es Nacht wäre. Dutzende von Wagen würden mich mit ihrem widerwärtigen Gerassel martern. Ich aber vernehme das Gesamtgeräusch der Großstadt gar nicht oder doch nur wie das Summen eines Bienenschwarms. Ich sehe von dem Gesamtbilde der Großstadt, in welchem von meinem Standpunkte aus tausend Maler tausend verschiedene Motive erblicken können, nichts, was nicht zufällig meine Aufmerksamkeit erregt. Ich sehe aber auf mehr als hundert Schritte weit plötzlich das farbige, eingeübte Zeichen meiner Straßenbahn. Ist die Behauptung wirklich zu kühn, dass die Ordnung, welche der Menschengeist in die Wirklichkeitswelt hineinverlegt, nichts Anderes sei als diese Aufmerksamkeit meiner Sinne auf das Farbenzeichen meiner Straßenbahn. In den furchtbaren Wirrwarr der Großstadt, einen Wirrwarr, welcher Chaos ist für den Spatzen, der nur nach Pferdekot späht, und welcher Notwendigkeit wäre für jemanden, der die Beweggründe aller Menschen dieser Großstadt kannte, bringt meine Straßenbahn plötzlich Ordnung hinein, für mich: ich erwarte, dass sie mich zu meinem Ziele führe, dass sie meiner Absicht, meinem Zwecke dienlich sei. Für meinen Egoismus teilt sich der Menschenstrom, teilen sich die Wagenreihen, meine Straßenbahn wird zum Mittelpunkt des Treibens. Und merkwürdig: die Straßenbahn bringt mich wirklich an mein Ziel.

Aber der Fahrplan der Straßenbahn sei ja vorbedacht? Gewiß, mir unbekannte Herren, Geschäftsträger der Straßenbahnaktionäre, haben sich mit Vertretern der Polizei einmal zusammengesetzt und haben einen Fahrplan ausgearbeitet. Die Vertreter der Aktiengesellschaft wollten möglichst viele Groschenstücke einnehmen. Die Vertreter der Polizei wollten den Kampf ums Dasein des Straßenverkehrs möglichst vor Störungen behüten. Die Groschenabsicht hat nichts damit zu tun, dass die Straßenbahn mich meinen Weg führt; je mehr Groschen an den Straßenecken auf einen Wagen dieses Farbenzeichens warten, desto mehr Wagen dieses Zeichens werden kommen, so wie die Blüten einer Pflanze größer und zahlreicher werden, wenn sie mehr Nahrung erhält. Der Plan der Polizeivertreter ist aber auch nichts Anderes als eine Voraussicht derjenigen Hemmungen und Anpassungen, welche auch ohne Polizei notwendig gekommen wären. Auch ohne Polizei würden die Straßenbahnwagen für gewöhnlich nicht ineinander hineinfahren.

Die scheinbare Zweckmäßigkeit der Welt ist im ganzen und großen ohne Polizei zustande gekommen. Die Fälle, in welchen Züchter planvoll neue Organismen schaffen, sind selten. Aber die scheinbare Zweckmäßigkeit der Welt ist doch nur unser egoistisches Zurechtfinden in dem regelmäßigen Chaos der Wirklichkeit, und die Regelmäßigkeit dieses Chaos ist doch nur die Wiederkehr der unzähligen Egoismen, die als Zellen, als Individuen und als Gruppen oder Aktiengesellschaften einzig und allein selbst leben wollen. Die vermeintliche Ordnung, das heißt das Sichzurechtfinden in der Großstadt wird durch Erdbeben, durch Seuchen, durch Kriege gestört; meine Straßenbahn kommt dann vielleicht nicht. Die ungeheuren Revolutionen, welche die Ordnung der Natur gestört haben mögen, kennen wir nur nicht. Wir halten uns an die Regelmäßigkeiten der beobachteten paar tausend Jahre, nennen sie Entwicklung, und jeder wartet auf das Farbenzeichen seines Wagens. So stehe ich an der Ecke und höre nicht, wie in jedem Hause rings um mich her irgend ein Liebender Schwüre ruft, irgend ein Sterbender röchelt. Wenn es Nacht wäre und im Walde, so würde ich das alles hören. Dann würde es bis zu meiner Aufmerksamkeit dringen. Die Ordnung der Welt, die uns bald als Notwendigkeit, bald als Zweckmäßigkeit erscheint, ist Orientierung unserer Aufmerksamkeit. Was in Wirklichkeit die Wiederkehr ähnlicher Erscheinungen veranlaßt, das Geheimnis der Weltordnung kennen wir nicht. Wir dürfen aber nicht sagen: es ist ein Geheimnis da, welches wir nicht enträtseln können. Wir wissen nur von der subjektiven Ordnung in unserem Kopfe; wir wissen nicht, ob wir das, was dieser Ordnung objektiv entspricht, noch unter der Menschenvorstellung Ordnung begreifen können. Wir können die Wirklichkeit mit diesem Menschenworte nicht fassen. Der Mensch hat die Ordnung in die Natur hineingetragen, durch seine arme Sprache. Nachher verzweifelt er. wenn er seine Ordnung in der Natur nicht finden kann.

 

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 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 00:37:38 •
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