Notwendigkeit


Der Begriff der Notwendigkeit wiederum, das heißt die etwa seit dreihundert Jahren aufgekommene Überzeugung, dass alles auf der Welt ohne Ausnahme auf einen zureichenden Grund und dieser wieder auf eine andere Ursache und so ins Unendliche zurückzuführen sei, dieser Begriff ist doch nur ein bildlicher Ausdruck des menschlichen Verstandes. In jede regelmäßige Folge von Ursache und Wirkung, das heißt von einer Änderung, auf die regelmäßig eine andere Änderung folgt, verlegen wir Menschen, ohne es zu wissen und ohne es zuzugestehen, das Bild eines (absichtlich) handelnden Menschen. Die Ursache bewirkt die Folge, in unserer Sprache, in unserem Denken. Von der Wirklichkeit kennen wir nur die Zeitfolge oder was wir so nennen. Es steckt also auch in dem Begriffe der Notwendigkeit schließlich das sprachliche Bild einer Absicht, die nur eine menschliche Absicht sein kann, weil wir doch alle Sprachbilder nur von uns selbst abstrahieren können. Unsere heutige Sprache denkt freilich bei Absicht immer nur an den Seelenvorgang in einem handelnden Individuum. Was das sei, wras wir Absicht oder Wollen nennen, wissen wir übrigens nicht. Es ist der Begriff des Wollens auch nur eine psychologische Tatsache. In alter Zeit, viele hundert Jahre vor dem Aufkommen des Begriffs der Notwendigkeit, glaubte man Absicht auch bei der Entstehung der Welt, bei der Entstehung des Staates, der Sitte, der Sprache usw. voraussetzen zu müssen. Es war also vor langer, langer Zeit der Begriff Zufall, der Gott Zufall, beinahe ein positiver Gegensatz gegen den absichtlich bildenden Schöpfer; es war zur Zeit der Herrschaft des Aristoteles der Begriff Zufall ein relativer, aber immer noch ein ziemlich positiver Gegensatz gegen das, was man das Wesentliche nannte; seit dem Aufkommen des Glaubens an die Notwendigkeit alles Geschehens ist der Zufall zu einem negativen und relativen Gegensatz dieser Notwendigkeit geworden; und erst unsere Sprachkritik, welche selbst den Begriff der Notwendigkeit in ein armes menschliches Bild auflöst, kann den Zufallsbegriff erkennen als ein fast bedeutungsloses Wort, mit welchem der besser Unterrichtete dem schlechter Unterrichteten sagen will: Du richtest deine Aufmerksamkeit falsch ein, du lenkst deine Aufmerksamkeit auf einen falschen Kausalzusammenhang, auf eine subjektive Assoziation.


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