Newton


Diese sprachkritische Anschauung über Newtons Großtat ist etwas ganz Anderes als das Unvermögen Hegels, Newtons Verdienst zu begreifen. Hegel sträubte sieh dagegen, sich dem Mechanismus des Weltalls zu unterwerfen; darum stellte er den Phantasten (übrigens ebenfalls gewaltigen) Kepler über Newton. Wir müssen in der ganzen überwältigend schönen Geschichte der langsamen Entdeckung der Gravitation zwischen dem Fortschritt der Beobachtungen und dem Fortschritt der Begriffserweiterung einerseits unterscheiden und anderseits beides zusammenhalten. Der scheinbare Lauf der Planeten war schon von allen Anhängern des Ptolemäischen Weltsystems im ganzen richtig beobachtet worden; Kopernikus fügte die Berechnung des wirklichen Laufs hinzu. Kepler beobachtete in dessen Beschreibungen die Ähnlichkeit der geometrischen Formeln und konnte so den Begriff der Ellipse auf diese Bewegungen ausdehnen. In noch bewunderungswürdigerer Weise dehnte Newton die Formeln der Fallgesetze auf diese elliptischen Bewegungen aus. Es war vorläufig die letzte Begriffserweiterung auf diesem Gebiete, und wir beugen das Haupt fast andächtig vor solcher Menschengröße. Wenn man aber die Keplerschen Gesetze als bloße Tatsachen, das Gravitationsgesetz als ihre Erklärung ansieht, so steht man eben im Banne der letzten Hypothese. Vor Newton waren die Keplerschen Gesetze Erklärung; sie sind zu Worten der Umgangssprache geworden, soweit sie in den Kalender hineinpassen. Ebenso geht es mit dem Gravitationsgesetz. Wird aber einmal der Begriff der Gravitation mit noch anderen Erscheinungen (Elektrizität oder was weiß ich) verbunden werden, so wird auch die Newtonsche Gravitation, die heute eine Erklärung heißt, in die Reihe veraltender technischer Ausdrücke zurücksinken.

Die poetische Heroenverehrung tut recht daran, Newton zu huldigen. Herrlich ist die Grabschrift, die Pope verfaßt hat:

"Nature and Nature's laws lay hid in night;

God said: ,Let Newton be,' and all was Light."

Sprachkritik jedoch duldet keine unfreie Bewunderung. Die freie Bewunderung des vollendetsten Menschengeistes resigniert nirgends trauriger als vor der Unsterblichkeit dieses Mannes. Und nicht lustiger Spott, sondern traurigste Einsicht in das Nichts soll es sein, wenn ich das Wesen dieses höchsten unter den bisher entdeckten Naturgesetzen zu erkennen suche aus dem albernsten Spaße, der alltäglich mit begriffstutzigen Schülern getrieben wird. Wenn so einer nicht sogleich eine logisch saubere Definition zu bilden vermag, so höhnt man ihn wohl mit den Worten: "Opodeldok ist, wenn man Rückenschmerzen hat." Ich fordere Ernst für dieses Zitat. Die saubere Definition sollte wohl etwa heißen: "Opodeldok ist ein Heilmittel gegen Rheumatismus." Mein Leser muß aber einsehen gelernt haben, dass alle Begriffe dieser Definition unklare Erinnerungen der Umgangssprache sind, dazu Erinnerungen an unklare und unhaltbare Hypothesen. Niemand weiß, was Krankheit und was Heilung sei, niemand weiß etwas vom Rheumatismus; womöglich noch unfaßbarer ist der Begriff des Mittels, welchen mein Leser hoffentlich nicht etwa durch den nebelhaften Begriff des Zweckes wird erklären wollen. Opodeldok ist wie jede andere Lautgruppe der Sprache zuletzt die im Sprachzentrum festgehaltene Erinnerung an irgendwelche Sinneseindrücke; die Definition des Wortes also wie jede andere Definition ist nur das Bewußtwerden einer unbewußten Gedankenassoziation. Und so ist der unlogische Schüler weit philosophischer gewesen als sein logischer Lehrer, wenn er auf dessen Frage die letzten zugänglichen Elemente des Bewußtseins aufdeckte und gestand, dass er mit der Lautgruppe "Opodeldok" nichts weiter assoziieren könne als die wüste Erinnerung an etwas, was man Rückenschmerzen zu nennen pflegt. "Opodeldok ist, fällt uns ein, wenn man Rückenschmerzen hat." Darüber kann der Menschengeist und die Menschensprache nicht hinaus. Auch ein Newton nicht.

Vorher sprach man von einem horror vacui. "Horror vacui ist, wenn Flüssigkeiten im Heber emporsteigen." Newton entdeckte die Gravitation. "Gravitation ist, wenn etwas schwellst oder fällt." Und wenn einst ein neuer Ausnahmemensch mit den mechanischen Erscheinungen des Gewichts chemische oder elektrische Erscheinungen zu einem höheren Begriff verbunden und beispielsweise den Namen Polarismus dafür autgestellt und zum ehrfurchtsvollen Schauder der Mitwelt beschrieben haben wird, so wird der neue technische Ausdruck wieder nur eine beschränkte Zeit für eine neue Erklärung des Weltalls ausreichen, und der philosophische Dummkopf von Schüler wird auch das erklärende Wort der Zukunft nicht besser definieren können als durch des Menschengeistes letztes Verstummen, durch die tiefsinnige Tautologie: "Polarismus ist, wenn etwas ein Verhältnis zu etwas Anderem hat."  



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 
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