Neovitalismus


Whewell hoffte auf einen Newton der Physiologie, der die Schwerkraft des Lebens definieren werde. Der Vergleich ist fein, aber er spricht nicht für die Möglichkeit einer Naturerkenntnis. Die Tätigkeiten der tierischen Organe sind seit Whewell freilich der göttlichen Macht einer Lebenskraft entzogen worden. Man hat, so wie Newton die allgemeine Schwerkraft im Laufe der Gestirne tätig sah, in den Tätigkeiten z. B. des Blutlaufs die bekannten physikalischen und chemischen Erscheinungen wiedergefunden, man hat ferner elektrische Erscheinungen in Muskeln und Nerven mit Sicherheit beobachtet. Während aber der Begriff Schwerkraft für Jahrhunderte zu einer Beruhigung des menschlichen Fragens führte, eben weil man diese Kraft so genau zu kennen glaubte, empfanden die Physiologen sehr bald wieder das Unzulängliche in der mechanischen Erklärung der Organismen. Die geistige Armut des Materialismus ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Und so entstand noch bei Lebzeiten des ebenso streitbaren wie gedankenflachen Du Bois-Reymond (mit der Spitze zunächst gegen ihn) die neue Sekte, die das Wort Neovitalismus aufbrachte. Die Herren Rindfleisch und Ostwald haben vollkommen recht mit ihrer Kritik des Begriffs Materie; wenn sie aber glauben, die Erscheinungen des Lebens dadurch besser zu erklären, dass sie das unbrauchbare Wort Kraft (um nicht reaktionär zu erscheinen) mit Energie übersetzen, so reden sie Worte. Wären sie sich über den Kernpunkt der Frage klar, müßten sie der Lehre von der Gravitation ebenso kritisch entgegentreten wie dem Materialismus. Wären diese Kritiker Erkenntnistheoretiker gewesen, so hätte sie ihre Untersuchung zunächst zu einer Kritik der technischen Ausdrücke ihres Faches führen müssen. Und besäßen wir von den besten Köpfen aller Wissenschaften je eine Kritik der Terminologie ihres Spezialfaches, so wäre dadurch langsam eine Kritik der Sprache angebahnt worden, die auf umfassende Vorstudien sich berufen könnte. Ein Einzelner kann diese Revision aller Wissenschaften unmöglich leisten, auch wenn ihm mehr Scharfsinn und mehr Kenntnisse zur Verfügung ständen als mir. Hier wie überall kann ich nur tastend Beispiele geben zu dem, was gründlicher zu leisten wäre.

So handelt es sich bei dem gegenwärtigen Kampfe der Physiologen wieder um Schlagworte, die von den Gegnern verschieden verstanden werden. Die Begründer und xinhänger des Neovitalismus sind ganz gewiß über die neuesten Materialisten, über die Lehrer der mechanischen Wärmetheorie und der Einheit der Naturkräfte, hinausgegangen, fortschreitend nach ihrer eigenen Idee. Dennoch erschienen sie den Mechanisten insofern mit Recht als Reaktionäre, als die geistige und politische Reaktion sich immer und überall jeder skeptischen Regung bemächtigt, um aus dem Bekenntnis des Nichtwissens nichtswürdig, schamlos oder dumm Kapital zu schlagen für den Glauben an die wohl gepfründete Staatsreligion. Diese Infamie darf uns aber von dem Bekenntnisse des Nichtwissens nicht abhalten; der Mut des Bekenntnisses wird dadurch nur noch größer. Wie weit einzelne Bekenner und Verfechter des Neovitalismus selbst vom Gegner aller Wahrhaftigkeit, bewußt oder unbewußt, beeinflußt sind, mag deren persönliche Angelegenheit bleiben.

Auf dem gleichen Boden wie die Neovitalisten stehen die Neodarwinisten, welche gleichfalls für Reaktionäre gelten und dennoch kritisch über den Darwinismus hinausgelangt sind.


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