Naturgesetze bildlich


Der bloße Hinweis genügt, um das Zugeständnis zu erzwingen, dass der Begriff "Naturgesetz" eine Metapher sei, ein hübsches Bild, das ganz vortrefflich in die mythologische Welterklärung des Altertums hineinpaßte. Wurde doch die Natur selbst personifiziert, entweder in einer einzigen Gestalt oder in mehreren Gottheiten; und diese Natur gehorchte den Vorschriften eines noch mächtigeren Gottes, woraus sich dann die auffallenden Regelmäßigkeiten der Natur ergaben. So würde ein Reisender, wenn er in einem fremden Staate in Handel und Verkehr auffallende Ordnung wahrnähme, mit besserem Rechte auf das Vorhandensein von Gesetzen schließen. Dazu kommt, dass man bis zur Stunde nicht aufgehört hat, unsere Staatsgesetze in letzter Instanz auf göttliche Gebote und Verbote zurückzuführen und dass diese Göttlichkeit der Menschensatzungen im Altertum sogar noch allgemein geglaubt wurde.

Da ist es nun beachtenswert, dass der Begriff Naturgesetz sich bei Platon und Aristoteles eigentlich noch nicht vorfindet. Ein einziges Mal findet sich bei Platon und ein einziges Mal bei Aristoteles (Eucken: Grundbegriffe, 2. Auflage, S. 174) das Wort "Gesetz". Aber beide Stellen machen auf mich den Eindruck, als ob die Anwendung des Gesetzbegriffs auf die Regelmäßigkeiten der Natur eben als ein neues und treffendes Bild vom Verfasser selbst gefühlt wurde. Aristoteles macht das ganz deutlich, denn er sagt: "wie ein Gesetz, als ob ein Gesetz da wäre". Nach dem Sprachgebrauch der Alten würden wir also z. B. sagen müssen: die chemischen Elemente verbinden sich untereinander in so ordnungsmäßigen Reihen, als ob sie äußeren Gesetzen gehorchten. Die Bildlichkeit des Ausdrucks wurde also sehr stark empfunden, auch da noch, wo das Wort Naturgesetze oder vielmehr "Verträge der Natur" schon als technischer Ausdruck vorkommt, wie bei Lucretius.

Dieses Bewußtsein der Bildlichkeit ist der eine Grund, weshalb die Naturgesetze in der Wissenschaft des Altertums noch eine bescheidene Rolle spielten; dazu kommt aber der weit wichtigere Grund, dass Naturgesetze als Bild oder Begriff immer nur die wahrgenommenen Regelmäßigkeiten der Natur erklären wollen und sollen und dass dem Altertum verhältnismäßig sehr wenige solcher Regelmäßigkeiten bekannt oder geläufig waren. Von den Regelmäßigkeiten des sozialen Lebens hatten die Alten noch keine Ahnung; darum mußte ihnen auch der Begriff sozialer Gesetze völlig fremd bleiben. Aber auch die bei uns landläufigen Regelmäßigkeiten der Physiologie waren von ihnen noch kaum beobachtet worden; sie konnten darum das Bild vom Gesetz auch nicht auf das Leben der Tiere und Pflanzen anwenden. Als regelmäßig erkannten sie deutlich bloß die Vorgänge der Mechanik, z. B. die Bewegung der Sterne; da allein schien die Natur Verträge abgeschlossen zu haben, einem fremden Gesetz, einem fremden Willen zu gehorchen.

Ich bemerke dazu, dass der Streit der Analogisten und Anomalisten, der die ganze Sprachphilosophie der Alten durchzieht, bei ihnen auf die Frage zurückgeht, ob die Worte natürlich oder durch einen Gesetzgeber geschaffen worden seien. Man sieht sofort, dass diese ganze Anschauung unserem Denken, also unserem Sprachgebrauche widerstrebt. Wir suchen die Gesetze i n der Natur, erblicken also in Natur und Gesetz keinen Gegensatz. Die Alten stellten — immer bildlich — der Natur einen äußeren Gesetzgeber gegenüber.

Der Fortgang des Denkens führte im Mittelalter dazu, dass das Bildliche aus dem Begriff Gesetz so oder so verschwinden mußte. Die blühenden Personifikationen des Altertums hörten auf. Aus der Natur wurde der nüchterne Inbegriff aller wirklichen Dinge, und aus dem Gesetzgeber über ihr wurde der allmächtige Gott der christlichen Dogmatik. Da verflog das poetische Bild, und ganz prosaisch wurde Gott der wirkliche Gesetzgeber der Natur. Diese Vorstellung ist schon im ersten Kapitel der alten Bibel vorgebildet. Gott schuf Sonne, Mond und die Sterne, den Tag und die Nacht zu regieren (Moses I. 1, 16). Wie ein absoluter Monarch, der sich um alles selbst bekümmert, erscheint da Gott. Und es wird auch sofort klar, warum das ganze Mittelalter sich bei solchen Anschauungen über kein Wunder wunderte. Die wenigen Regelmäßigkeiten der Natur waren eben nicht innere Naturgesetze, sondern äußere Gesetze Gottes, die der allmächtige Gesetzgeber mit vollem Recht in jedem Augenblick aufheben konnte, wie ein absoluter Monarch sich auch um seine eigenen Gesetzbücher nicht zu bekümmern braucht. Gott hatte der Sonne befohlen, in regelmäßigem Laufe zu leuchten. Es stand aber gar nichts im Wege, dass er einmal der Sonne befahl, stillzustehen. Dieser Fortgang der Weltanschauung also, der christliche, vernichtete das Bild vom Gesetze dadurch, dass er das Gesetz für Wirklichkeit nahm.

In entgegengesetzter Richtung bewegte sich derjenige Fortgang des Denkens, der bei Spinoza schließlich dazu führte, Gott und Natur einander gleichzusetzen. Und es kann gar kein Zweifel darüber bestehen, dass gerade die weiter beobachteten Regelmäßigkeiten der Natur zu dieser neuen Empfindung von der Natur führten. So war auch Spinoza der erste, der sich in seinem theologisch-politischen Traktat gegen den Wunderbegriff kehrte. Das ist beinahe selbstverständlich bei dem tapferen Manne. Hatte man tausend Jahre lang immer mehr Regelmäßigkeiten der Natur beobachtet und dazu keine einzige Unregelmäßigkeit, hatte noch Descartes bei seinen Regeln der Natur an die Vorschriften eines göttlichen Gesetzgebers gedacht, so lag jetzt die Vermutung nahe, dass der Natur die Gesetze gar nicht von einem fremden Willen vorgeschrieben waren, dass die Natur sich ihre Gesetze selber gab, dass Staat und Gesetzgeber zusammenfielen, wie in der neuen Republik, in Spinozas Niederlanden, wie in einem idealen Rechtsstaat. Stand aber der Natur kein äußerer Gesetzgeber gegenüber, fielen Gott und Natur zusammen, so gab es auch keinen fremden Willen, der die Regelmäßigkeit durchbrechen, der ein Wunder bewirken konnte.

Der Gebrauch des Wortes Naturgesetz wurde nun zwar immer häufiger, aber sein bildlicher Sinn, seine wahre Bedeutung ging verloren. Wieder und wieder stehen wir vor einem Beispiel, das die Wahrheit meiner Lehre bezeugt. Das Gedächtnis der Menschen hatte Ähnlichkeiten gemerkt, wie z. B. den Lauf der Gestirne. Diese auffallende Regelmäßigkeit wollte der Wissensdrang der Menschheit sich erklären und glaubte die Erklärung in der mythologischen Gestalt und dem bildlichen Begriff der Gesetze zu finden. War ein äußerer Gesetzgeber da, so war die Regelmäßigkeit zu verstehen. Nun verschwand die mythologische Gestalt, das Bild. Der Begriff Gesetz aber blieb und wurde — und wird bis zu dieser Stunde — geheimnisvoll als etwas der Natur Innerliches aufgefaßt. Die Gewohnheit der Sprache läßt uns glauben, dass dieser neue Gesetzbegriff immer noch die wahrgenommenen Regelmäßigkeiten "erkläre". Aber er erklärt gar nichts. Der neue Begriff Gesetz oder Naturgesetz ist nur ein anderes Wort für eben die unerklärten Regelmäßigkeiten, ein leeres Wort, das mit seiner Bildlichkeit und Sinnlichkeit jeden Sinn verloren hat. Höchstens dass in dem Begriff "Gesetz" die Nuance mit eingeschlossen ist: die beobachteten Regelmäßigkeiten kehrten bisher so ununterbrochen wieder, dass wir auch an ihre künftige Wiederkehr glauben. Was wir also Naturgesetz nennen, ist nichts weiter als unsere Seelenstimmung gegenüber den in uns entstandenen induktiven Begriffen oder Worten. Wenig genug, aber zugleich alles, was wir haben.

Es ist lehrreich, dass das Metaphorische in dem Begriffe "Naturgesetz" dem Sprachforscher deutlicher wird als dem Physiker. Ich will nur einen frappanten Fall erwähnen: Rudolf Hildebrand stellt an Wundt die feine skeptische Frage: "Wen dachte man sich bei dem Gebrauch des Bildes als den Geber des Gesetzes?" Und Wundt beantwortet die Frage in einem kleinen Aufsatz (Philosoph. Stud. III. 3) so, dass er sie gleich falsch wiederholt: "Wer ist der Gesetzgeber der Naturgesetze?" Wenn Wundt nachher sagt, im 17. Jahrhundert habe Gott die Gesetze gegeben, im 18. die Natur, im 19. die einzelnen Naturforscher (weil man der Kürze wegen von einem Ohmschen, einem Weberschen Gesetze spricht), so ist das ein Scherz, den man einem besseren Feuilletonisten kaum verzeihen dürfte. Ohm, Weber usw. haben doch offenbar nur die Regelmäßigkeiten gefunden.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 
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