Kritik der Sprache


Diese Ahnung scheint dem englischen Nationalgeiste versagt zu sein. Der dumme Kerl Verstand, der niemals über seinen engen Horizont hinausgeblickt hat, hält die paar Lappen seiner Kenntnisse für Erkenntnis. Die Engländer haben die Arbeit Lockes nicht fortgesetzt. Sie sahen nicht, dass der Inhalt ihres berühmten Verstandes nur das Wörterbuch und die Grammatik der menschlichen Sprache sei und dass in der Sprache für immer und ewig nur Erinnerungen bewahrt, nicht Kenntnisse geformt werden können. Als Leibniz auf den Satz von Locke den Trumpf setzte, im Verstande sei außer den Angaben der Sinne nichts "als der Verstand selbst", da hielt man diesen Purzelbaum nicht nur in ganz Europa, sondern auch in England für eine neue Idee. Man konnte wenigstens darüber streiten. Eine Kritik der Sprache blieb trotz Kant ein unbekannter Gedanke. Auch ihm selbst. Wohl sagte Kant "bewußt und groß" (Prol. hinter § 60): "Wer einmal Kritik gekostet hat, den ekelt auf immer alles dogmatische Gewäsche, womit er vorher aus Not vorliebnahm, weil seine Vernunft etwas bedurfte und nichts Besseres zu ihrer Unterhaltung finden konnte. Die Kritik verhält sich zur gewöhnlichen Schulmetaphysik gerade wie Chemie zur Alchimie, oder wie Astronomie zur wahrsagenden Astrologie." Das wäre wahrer von der Kritik der Sprache gesagt als von der Kritik der Vernunft. Den Wert des bloßen Versuchs, den ich unternommen habe, ersieht man an dieser Stelle wieder, wenn wir nun auf Grund unserer bisherigen Ergebnisse Lockes Satz betrachten. Der Verstand als abstrakte Obergottheit wird für uns zu einem überflüssigen Begriff, die Verstandeskräfte als Untergottheiten und falsche Götzen verlieren jede Bedeutung, und nichts bleibt übrig vom alten Inhalt des Verstandesbegriffs als eine à-peu-près geordnete Summe von Worten, das heißt als das an Worte gebundene Gedächtnis der Menschheit. Unsere Sinne gar haben wir als Zufallssinne kennen gelernt, als Zufallsbreschen, welche die Wirklichkeitswelt in die zufällige Organisation des menschlichen Individuums gestoßen hat; und wir haben keine Gewähr dafür, ob der Magneteisenstein mit seinem hochentwickelten Sinn für die Elektrizität in seiner Art das Weltgeheimnis nicht besser miterlebe, als wir es tun können mit unseren sehenden Augen und hörenden Ohren. So würde der Lockesche Satz, den ich so oft bemüht habe, in unserer Sprache endlich heißen: "Unser Gedächtnis enthält nichts, als was unsere armen Zufallssinne ihm geboten haben."



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 
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