Kepler, Galilei, Newton


Der entscheidende Schritt Keplers bestand darin, dass er in der Bahn des Planeten Mars diejenige Linie erkannte, welche in der Geometrie schon lange als Ellipse bekannt war. In der Sprache der Schullogik sagt man ganz richtig, er habe die elliptische Form der Marsbahn durch einen Induktionsschluß entdeckt. Auf Grund vorausgegangener Berechnungen vollzog er die Arbeit, die relativen Stellungen des Mars zur Sonne für viele Punkte der Bahn festzustellen. Die Örter hatten etwas Gemeinsames, und dieses Gemeinsame entsprach der Formel, welche in der Theorie der Kegelschnitte immerhin schon vor Descartes für die Ellipse herausgefunden war. Es war das Ideal eines sogenannten Induktionsschlusses, als er nun aus den Merkmalen einzelner Punkte auf die Vermutung kam: der Mars bewege sich in einer Ellipsenlinie um die Sonne.1)

Der entscheidende Schritt Galileis war — in der Schulsprache ausgedrückt — eine Abstraktion. Er fand sein Fallgesetz nicht aus der Vergleichung der in Ziffern ausgedrückten Fallgeschwindigkeit, wenn er auch durch das von ihm zum erstenmal beobachtete gleich schnelle Fallen leichter und schwerer Körper induktiv auf seine Vermutung gebracht worden sein mag. Er analysierte die einzelne Körperbewegung und schied aus dieser Bewegung die Begriffe der Gleichmäßigkeit, der Beschleunigung, der Trägheit aus, er kam dadurch zu der Überlegung, dass es mit dem Fall der Körper so und nicht anders sich verhalten müsse. Das Hauptverdienst Keplers besteht also darin, dass er die mathematischen "Gesetze" der Planetenbahnen auffand, das Verdienst Galileis darin, dass er die mechanische Bewegung in ihre Begriffe zerlegte. "Trägheit" war ein neuer Begriff, wenn man ihn auch bis heute ein Gesetz zu nennen pflegt; die Keplerschen Gesetze waren mathematische Formeln, also recht eigentlich Gesetze, bis sie durch Newton in den neuen Begriff der Gravitation eingingen.

Damit sind wir beim Kernpunkt der Frage angelangt. Wir lassen uns von der Abstraktion zu immer höheren und höheren Begriffen führen, von der Induktion zu immer bestimmteren Gesetzen. Wäre diese Unterscheidung richtig oder brauchbar, so müßten wir in unserem Gehirn diese beiden Tätigkeiten nach wie vor unterscheiden.

Die Einführung des Wortes Gravitation ist der letzte Fall, dass die Weltanschauung der europäischen Menschheit durch ein einziges neues Aperçu gründlich umgestaltet wurde. Dem Worte Darwins, der Entwicklung, kommt eine gleich große Bedeutung nicht zu, weil es wohl ein reicher neuer Begriff ist, aber zu einem Gesetz noch nicht formuliert werden konnte. Wir können das auch so ausdrücken, dass der Begriff Entwicklung zwar sehr weit und reich, aber nicht mathematisch begrenzt sei, wie wenn der Entdecker eines Schatzes seinen Goldhaufen noch nicht gezählt hat. In der Gravitation nun aber sieht man einen Begriff oder ein Gesetz, je nachdem man der Erkenntnis wegen ihn sich klarmachen oder des Kalenders wegen ihn anwenden will. Diese Relativität der Begriffe Gesetz und Begriff wird vielleicht klarer werden, wenn ich von den außerordentlich schwierigen Beobachtungen Newtons zu der scheinbar gemeinsten Beobachtung des Menschen zurückkehre. Da finden wir ein Wort, das dem Bauernjungen wie seinem Kultusminister gleich geläufig ist: das Jahr.

 

______________

1) Der herrliche Kepler wird nicht verkleinert, wenn ich leugne, dass er seine Astronomie "ohne Hypothesen" (Goebel: "Keplers astronomische Anschauungen") errichtet habe; das wäre am wenigsten für den fast dichterischen Geist Keplers möglich gewesen. Er hat übrigens durch seine induktiv erschlossene Deutung der Planetenbewegung einem Newton das Problem der Kontinuität und damit die Aufgabe der Infinitesimalrechnung hinterlassen.  


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 14:45:03 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.05.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright