Induktion und Schluß


Ich muß aber noch einmal einen Schritt zurückgehen, um die falsche Lehre der deutschen Schullogik zu beseitigen, welche die Induktion immer offen oder versteckt in ihrem großen Kapitel von den Schlüssen behandelt. Ich schließe mich der Ausdrucksweise dieser Logik an, wenn ich sage, dass die Deduktion, die hauptsächlich so genannte Schlußfolgerung, immer zu analytischen Urteilen führe, das heißt zu Sätzen, deren Prädikat im Begriffswort des Subjekts schon enthalten war. Wir wissen, dass dieses Zugeständnis der Logik im Grunde schon das weitere Zugeständnis mit enthält, es bestehe unser ganzer Erkenntnisschatz nur in Begriffen oder Worten. Wir haben gesehen, dass das Prinzip aller Schlußfolgerungen darin besteht: aus den Begriffen herausziehen zu können, was man vorher in sie hineingesteckt hat, und nicht aus ihnen herausziehen zu können, was man nicht hineingesteckt hat. Das wäre die klarste Fassung des berühmten Dictum de omni et nullo. Dieser Grundsatz allein würde statt aller scharfsinnigen Spielereien genügen, um die alt ererbten Sophismen und Witze der Logik aufzuklären. Ich wähle als Beispiel den folgenden Scherz:

Eine Katze hat einen Schwanz mehr als keine Katze;

keine Katze hat zwei Schwänze;

also hat eine Katze drei Schwänze.

Mit dem ganzen Apparat des Kantschen Scharfsinns ausgerüstet hat Apelt nachgewiesen, dass dies ein Trugschluß sei, weil der Syllogismus gegen die beiden Regeln verstoße, dass der Obersatz allgemein, der Untersatz bejahend sein müsse. Ich lasse beiseite, dass der Übermut dieses Schlusses viel zu offenbar ist, als dass jemals ein Mensch Regeln nötig gehabt hätte, um an der dreischwänzigen Katze zu zweifeln. Ich will nur darauf aufmerksam machen, dass hier wie immer ein Besinnen auf das Entstehen und die Bedeutung der Worte einfacher und sicherer zum Ziele geführt hätte. "Keine Katze" in der ersten Behauptung ist die einfache Negation von einer Katze, ein Nichts. Hält man in der zweiten Behauptung diese Bedeutung von "keine Katze" fest, so müßte sie richtig heißen: etwas, was nichts ist, was auch keine Katze ist, hat keinen Schwanz; also hat eine Katze wirklich einen mehr, nämlich Einen Schwanz.

Was seit 2000 Jahren unter dem Namen von Sophismen sich durch die Logik hindurchschleppt, ist nichts als eine Reihe von Wortspielen, die auf einer kindlichen Stufe des Geistes von witzigen Männern erfunden wurden und kindliche Gemüter heute noch erfreuen. Wir werden uns darüber nicht wundern. Wenn nützliches Denken nichts ist als ein Verbinden von Worten, so muß unnützes Denken ein Spielen mit Worten sein. Es gibt aber noch eine dritte Art der Beschäftigung mit Worten. Nämlich das unbewußte Spielen der Logik, welche an die Notwendigkeit der grammatischen Sprachformeln glaubt und grammatische Unterschiede für Unterschiede im Denken hält. Alle Einteilungen der Urteile und Schlüsse in kategorische und hypothetische, ferner aber die Herleitung des sogenannten Induktionsschlusses aus dem hypothetischen Schlüsse ist ein solches unbewußtes Spielen mit grammatischen Formeln. Es läßt sich jeder kategorische Schluß in einen hypothetischen umwandeln, einfach durch sprachliche Veränderungen, und ebenso umgekehrt. Nur dass wir bei sehr geläufigen Begriffen, die wir ein Ergebnis der Abstraktion nennen, die hypothetische Form nicht gebrauchen, dass wir bei neueren Begriffen oder Gesetzen, die wir darum lieber der Induktion verdanken wollen, die Hypothese zu Hilfe nehmen. Es handelt sich also, so glaube ich ganz bestimmt, bei dem Unterschied zwischen Abstraktion und Induktion um ein rein subjektives Verhalten unseres Denkens.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 07:25:03 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.05.2006 
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