Gespenster


Nun ist es uns heutzutage fast ebenso schwer, von unseren Apperzeptionsmassen zu abstrahieren und uns das Weltbild eines Vorzeitmenschen vorzustellen, wie es uns schwer ist, die Welt aus dem Gehirn eines Hundes heraus zu verstehen. Goethes lichtspendender Satz: "Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist," hat für mich diese Bedeutung: wir wissen und sagen, dass alle unsere Begriffe anthropomorphisch sind, aber wir wissen trotzdem nicht, in wie hohem Grade sie es sind, wir wissen es darum nicht, weil es ein Abstraktum Mensch nicht gibt, weil der Mensch, der sich die Welt nach seinem Bilde nachgeschaffen hat, sich zugleich während der Entwickelung des Weltbildes weiter entwickelt hat und er so trotz aller sprachliistorischen Untersuchungen niemals erfährt, was er in seiner Sprache oder in seinem Denken an Gespenstern aus der Urzeit mit sich herumträgt. Die Toten der Sprache werden nicht begraben. Die Sprache oder das Denken trägt die Leichen aller vorangegangenen Geschlechter mit sich herum.

Am ehesten können wir uns noch in die Zeit, da das Menschengehirn noch nicht der Friedhof seiner eigenen Vergangenheit war, zurückversetzen, am ehesten können wir uns noch in die Weltanschauung eines Hundes oder eines Menschen an der Schwelle der Sprachschöpfung hineindenken, wenn wir uns in unsere eigene Kinderzeit zurückversetzen und diesen Zustand durch Beobachtungen an Kindern objektiv nachprüfen. Da werden wir dasjenige, was den Baum und die Sonne, die Tischkante und den Porzellanhund belebt, nach Jerusalems Ausdruck zu einem Kraftzentrum macht, durchaus nicht mit den sehr schwierigen Begriffen der modernen Mechanik oder Psychologie als Kraft oder als Wille aufgefaßt sehen, sondern als etwas, was ich am besten durch das Wort Gespenst (in dem Sinne, den es bei Stirner und dann bei Ibsen gewann) wiedergeben zu dürfen glaube. Das Tier und das Kind sieht überall Gespenster, wie der Urmensch und wie der gläubige Spiritist. Das Tier und das Kind sieht aber diese Gespenster überall erst dann, wenn es erschreckt worden ist, wenn seine Aufmerksamkeit auf eine wirklich oder scheinbar bedrohliche Erscheinung gelenkt worden ist. Die Furcht mag nicht nur die Götter gebildet haben (nach dem alten Worte), sondern auch die ersten Begriffe, welche darum ihre Vergottung, ihre Personifikation bis heute nicht ganz los geworden sind.

Diese Geisterseherei, welche das Tier und das Kind weiter treibt, knüpft vorsprachlich bereits an die Objekte der Wirklichkeitswelt an. Der Hund vergeistet den Sonnenschirm, ohne ihn nennen zu können, das Kind vergeistet die Kohlenkiste oder das nächtliche Ticken der Uhr, bevor es die bezüglichen Worte mit den Apperzeptionsmassen eines Erwachsenen verbindet. Es steht nichts im Wege, diese Gespensterfurcht, diese Vergeistung des Objekts ein Urteil zu nennen, ein falsches Urteil. Diese Urteilsfunktion ist eine Tat des Verstandes, die mit der Sprache nichts zu schaffen hat. Assoziieren sich dabei die Erinnerungen an gleichartige Objekte in einem Begriffe oder Worte, so geht die Vergeistung des Objektes natürlich mit in den Begriff oder das Wort über. Jahrtausendelang arbeitet nun das Menschengeschlecht daran, die Objekte besser zu betrachten oder zu beurteilen und so die Bedeutung des Wortes, welches gleichzeitig einen Lautwandel durchmachen mag oder nicht, mehr und mehr von Gespenstern zu reinigen. Die Elemente des Denkens bleiben aber nach wie vor am Begriffe oder Worte haften. Nicht in den Urteilen, sondern in den Begriffen steckt die Anthropomorphisierung der Welt. Die sogenannten Urteile sind (um Kants Terminologie anzuwenden) entweder analytisch, und dann sind sie wertlose Tautologien, in denen sich höchstens die Kichtung der Aufmerksamkeit ausspricht; oder sie sind synthetisch, und dann sind sie keine Urteile, sondern neue Beobachtungen, deren Assimilierung an die bisherigen Apperzeptionsmassen wir als Urteilstätigkeit empfinden.  


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 03:27:35 •
Seite zuletzt aktualisiert: 29.05.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright