Empfindungsindividuen


Und nun sehen wir einmal zu, ob es mit den Wahrnehmungen, die all unserer Welterkenntnis, all unseren Vorstellungen auch von Menschenindividuen doch zugrunde liegen, anders bestellt ist. Sofort fällt es uns ein, dass unsere Sinnesorgane uns wieder keinen Aufschluß geben über irgend etwas Reales. Wir müssen versuchen, diese Vergleichung zwischen Menschenindividuen und den einfachsten Sinneswahrnehmungen festzuhalten, so paradox und schwierig sie ist. Ein Ton erklingt, eine Farbe leuchtet. Unmöglich für unsere Sinnesorgane, das Individuum cis oder das Individuum rot (beide Empfindungen sind nur unendlich kleine Bestandteile unseres Ichbewußtseins) anders zu fühlen als durch die Tätigkeit des Gedächtnisses, welches die und die Schwingungen als ähnlich oder regelmäßig vergleicht, sie durch sein (des Gedächtnisses) Strombett fließen läßt, von irgend einem Punkte dieses Strombett überblickt und sie durch eine Erinnerung auszeichnet. Wir besäßen unser Ichbewußtsein nicht, wenn unser Gedächtnis oder unsere Sprache nicht Milliarden von solchen Empfindungsindividuen vergleichend klassifiziert hätte; aber auch diese letzten Empfindungsindividuen geben uns nicht die Wahrnehmungen von etwas Realem, sondern selbst schon bloßen Schein. Unser moderner Realismus wird also notwendig über sich selbst hinausgeführt zu dem Eingeständnis, dass er keine wirkliche Realität erkenne, dass er zu einem neuen Idealismus führe, sagen wir nur zum energetischen Idealismus. Unser moderner, ein Jahrhundert lang so stolzer Realismus muß also am letzten Ende eingestehen, dass er, so weit es auch unsere naturwissenschaftlichen Forschungen seit dem Mittelalter gebracht haben, dennoch bei den beiden Endpunkten, beim Ichbewußtsein des Menschen wie bei den niedersten Sinnesempfindungen, ohne Wortaberglauben nicht behaupten kann, etwas Wirkliches zu erkennen. Der moderne Realismus hat die Nichtrealität der Art- und Gattungsbegriffe eingesehen, ist aber — solange er nicht Sprachkritik geworden ist — in der Auffassung des letzten Wirklichen Wortrealismus geblieben.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 09:36:48 •
Seite zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright