Das Wirkliche zufällig


Es wäre denn, dass man jedesmal Zufall benennt, was die betreffende Wissenschaft nicht mehr weiß. In diesem Sinne verliert sich jede Wissenschaft in Zufälligem, und es ist kein Spiel mit Worten, wenn ich nun behaupte: Alles Wirkliche ist zufällig.

Nur muß man sich davor hüten, beim Versinken in diesen Abgrund mythologisch zu werden und den Zufall für irgend etwas positiv Wirkendes zu halten. Was wir nicht wissen, was wir uns vorstellen, unsere Bilder von der Welt, nur das ist unser. Was wir nicht wissen, das ist unsere Wissenschaft, das ist notwendig. Was wir wissen möchten, die Wirksamkeit, das Wirkliche, das ist zufällig.

Einstimmig wird die Astronomie für das Muster aller Wissenschaften gehalten; und wirklich wird die Astronomie von keiner anderen Wissenschaft an Zuverlässigkeit, an Berechenbarkeit und an Eleganz der Form erreicht. Da sei der Zufall ausgeschlossen, meint man. Aber zuverlässig sind diese Ziffern und Formeln doch nur für die paar Tausend oder Millionen Jahre (man kann im Ernste fragen: Was ist das gegen die, Ewigkeit?), in welchen die Planeten sich so wie heute um die Sonne drehen, oder vielmehr nur für die paar Tausend Jahre, in denen diese Bewegungen ungefähr so wie jetzt beobachtet worden sind. Alle diese Berechnungen und Formeln haben keine Gültigkeit für die vorausgegangene Zeit, in welcher — wie Kant und Laplace sagen — die Planeten sich von der ungeheuren Nebelmasse der Sonne losgerissen haben und nach unausdenkbaren Revolutionen erst im Kampfe ums Dasein am Himmel, wie man es genannt hat, sich selbst die bequemsten Gleise gefunden haben, die sie jetzt befahren. (Sehr merkwürdig ist bei Kant die Scheu vor großen Zeiträumen; er spricht bezüglich der Entstehung der Planeten zuerst von Jahrhunderten und meint dann, es gehörten dazu vielleicht tausend oder mehr Jahre.) Wüßten wir etwas von den Kräften, die damals spielten, so würde die Entstehung der Planeten und die Bildung ihrer Bahnen zur Wissenschaft gehören. So aber sind wir genötigt, die Masse, die Entfernung und darum die Bahnen der Planeten, also die ganze Astronomie, zufällig zu nennen. Die Weltformel, welche die Entstehung des Sonnensystems aus dem Chaos geben wollte, wäre wieder zufällig gegenüber der Entstehung des Chaos.

Im Verhältnis zu der Sicherheit der Astronomie sind die Lehren des Darwinismus fast luftige Hypothesen. Deutlich tritt fast nichts hervor als die überzeugende Annahme, dass es bei der Entstehung der Individuengruppen, die man Arten nennt, natürlich zugegangen sein müsse und dass man die unveränderliche, niemals in Wirklichkeit vorkommende identische Abfolge der Geschlechter Vererbung, die langsame Veränderung aber Anpassung nennt. Es braucht keiner weiteren Ausführung, dass jeder einzelne unter den Milliarden von Fällen, welche unter den Gesetzen Darwins zusammengefaßt werden, einen "Zufall" zur Ursache hat. Große Gruppen dieser Zufälligkeiten kann man dann Klima, Nahrung usw. nennen. Sie sind das allein Wirkliche oder Zufällige.

Ich könnte das viel allgemeiner und für alle Wissenschaft viel entsetzlicher noch anders ausdrücken. Die Wissenschaft von der Wirklichkeitswelt konnte sich mit einer Beschreibung begnügen, indem sie möglichst übersichtlich einen Katalog der gegenwärtig zufällig vorhandenen Erscheinungen aufstellte. Jeder Versuch einer Welterklärung wird über die Beschreibung hinausgehen und eine Geschichte der Erscheinungen zu ergründen suchen. Besäßen wir dafür aber auch die nötigen Kenntnisse — wovon wir himmelweit entfernt sind —, besäßen wir die Geschichten des Planetensystems, der Erde, der Tiere und Pflanzen, der Wärme, der Elektrizität usw., so würde erst recht die zufällige Entstehung des zufällig Vorhandenen in die Augen springen müssen. Denn jede Ursache ist ein Zufall, auch für ihre Folge. Und man wäre versucht, in künstlerischen Rhythmen zu lachen, wenn man hört, dass in jüngster Zeit innerhalb des kleinsten Teils der Weltengeschichte, nämlich in der kurzen Menschengeschichte, versucht worden ist, besondere Gesetze aufzustellen. Wie: dass auf die Demokratie der Militärdespotismus folge und dergleichen.

Gesetzmäßigkeit ist die jüngste Mythologie, die der Mensch in die Natur hineingelegt hat; es ist der Grundirrtum der modernen Naturwissenschaft, dass sie Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit miteinander verwechselt. Beide Begriffe sind menschliche Bilder menschlich ursächlicher oder menschlich zeitlicher Auffassungen der Natur. Die Gesetzmäßigkeit ist aber eine veraltende Metapher, gut genug für Laboratorien und andere Küchen, elend für die Welterklärung. Auch die Notwendigkeit ist eine menschliche Metapher; aber sie ist bis auf weiteres so unausweichlich wie die beiden ältesten Hypothesen der Menschheit: Wirklichkeitswelt und Ursachbegnff.

Die Sprache also mitsamt ihren allgemeinsten Formulierungen in Grammatik und Logik, mit ihren Worten oder Hypothesen ist eine zufällige Erscheinung. Zufällig im Gegensatze zu dem menschlichen Bilde der Gesetzmäßigkeit. Zufällig aber auch, insofern wir ihre Notwendigkeit ergründen möchten. Noch einmal: Was wir wissen möchten, das Wirkliche, das ist zufällig; was wir nicht wissen, was wir darum mit unserer menschlichen Bildersprache umnebeln, das ist unsere Wissenschaft. Wirklich ist, was kein Gespenst ist; und "Zufall" ist eine von allen Zufällen der Wortgeschichte umnebelte Negation der Gespenster Absichtlichkeit, Wesentlichkeit und Notwendigkeit. (Man vergleiche den Artikel "Zufall" in meinem "Wörterbuch der Philosophie".)

 

* * *


 © textlog.de 2004 • 21.10.2017 05:18:45 •
Seite zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright