Darwinismus


Die Lehre Darwins, dass die Zweckmäßigkeit der Organismen ohne jede göttliche Allweisheit durch Anpassung und Vererbung zu erklären sei, diese Lehre ist uns nichts mehr als eine geniale Hypothese. Die unvorsichtigen Darwinianer, welche namentlich in Deutschland auf diese Hypothese eine neue Wissenschaft zu bauen versucht haben, mußten sich von Darwins eigener Methode lossagen. Sie mußten wieder Begriffsromantik treiben. Es ist aber ein undankbares Geschäft, ihre immerhin kühnen Luftschlösser zu bekämpfen, wenn man es erleben muß, dass die von Darwin hinausgeworfene Teleologie in langsamer Arbeit wieder hineingeschmuggelt wird, wie wir es bei den letzten Kongressen der Naturforscher erleben konnten. Dogmatismus hüben und drüben, bei den Neovitalisten wie bei den Monisten. Und vielleicht ist Haeckel der wortabergläubischere, der unbelehrbare Dogmatiker.

Man hat Darwins Entwicklungsgesetz ironisch mit einem Manne verglichen, der, um einen einzigen Hasen zu schießen, unendlich viele Schüsse nach allen Richtungen abgeben müsse. Das Bild wäre aber wohl ganz ernsthaft zu verwenden. Man muß nur auch Ernst machen mit der Vorstellung unendlich langer Zeiträume für die Entwicklung; und man muß Ernst machen mit der Einsicht, dass jeglicher Zweckbegriff sich an eine menschenähnliche Intelligenz knüpfen müsse. Sowie die neuesten Reaktionäre wieder den Zweckbegriff in die Naturbetrachtung einführen, müssen sie ohne Gnade etwas wie einen menschenähnlichen Gott mit einem ungeheuren Men-schengehirn an den Anfang stellen. Es ist nicht anders. Die beiden ewigen Fragen lauten: Woher? Wohin? Die Frage woher geht nach der Ursache, als nach der Vergangenheit, welche wir uns vorstellen können, auch wenn der Begriff der Ursache eine bloße Hypothese und wenn der Begriff der Zeit nur eine menschliche Orientierung sein sollte. Die Frage wohin jedoch geht nach dem Zweck, den wir uns immer und überall als eine menschliche Absicht, als ein zukünftiges Ereignis vorstellen müssen. Wenn der Schütze sein Gewehr anlegt, so ist die Kraft des Schusses aus Ursachen zu erklären; die Richtung aber oder der Zweck des Schusses einzig und allein aus der Absicht des Schützen. Das Eintreten P. N. Coßmanns für eine neue Teleologie ("Elemente der empir. Tel.") könnte erkenntnistheoretisch weiter führen; vielleicht ist aber der Begriff "Teleologie" nur sprachkritisch feiner untersucht.

Die Schwierigkeit, welche der Darwinismus zu erklären wünschte, läßt sich mit einem Worte aussprechen: woher kommt die Einheit des Organismus? Die alte theologische Naturwissenschaft stellte noch ganz andere Fragen: wie die Einheit von Seele und Leib, wie die Vereinigung von Gottes Güte und der Schlechtigkeit der Menschennatur zu erklären sei? Seele und Leib, Güte und Schlechtigkeit sind der Sprachkritik überflüssige Worte geworden; es fragt sich nur, ob die Einheit des Organismus nicht ebenfalls ein bloßes Wort sei. Und in der Einheit ist ja eben die Zweckmäßigkeit des Organismus mit enthalten.


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