Begriffsideale


Man unterscheidet gern den metaphysischen, den logischen und den — natürlichen Begriff. Der metaphysische Begriff würde etwa der platonischen Idee entsprechen, der Vorstellung, dass z. B. die allgemeine Form "Pferd" etwas in der Natur der Dinge wirklich Vorhandenes sei, eine Form oder ein Urbild, und dass die einzelnen Individuen so oder so nach diesem Begriff gebildet würden. Dieser metaphysische Begriff hat gewiß nur den Wert alten Eisens; aber darüber zu lachen werde ich mich hüten, solange ich nicht so frei bin, auch über die "Vererbung", die neueste Fassung der ewigen Form, ebenfalls lachen zu können.

Das Ideal spielt seine Bolle auch bei dem Unterschiede zwischen dem logischen und dem — natürlichen Begriff. Der logische Begriff soll nämlich so eine Art Idealbegriff sein, ein Begriff, der alle gegenwärtige und zukünftige Kenntnis vom Objekt zusammenfaßte, so dass der Besitzer dieses Begriffs endlich in das Innere der Natur dringen könnte. Dagegen sind unsere natürlichen Begriffe oder Worte nur armselige Versuche, eine halbwegs brauchbare Ordnung in die Erinnerung all unserer Sinneseindrücke zu schaffen. Jede Verbesserung unserer Kenntnisse nähert also unwillkürlich unsere natürlichen Begriffe um ein Winziges dem logischen Ideal. Aber zweierlei Begriffe gibt es nicht. Zu jeder Zeit setzt sich die Sprache des Menschen aus Begriffen zusammen, welche an logischer Schärfe genau der Menge seiner Kenntnisse entsprechen. Wie der Eegenbogen vor dem Kinde zurückweicht, das ihm entgegenlaufen will, so das logische Ideal vor dem jeweiligen Begriff unserer heutigen Kenntnis. Mehrfach in der Geschichte der Philosophie (Leibniz) hat man versucht, sich der Allwissenheit des Gottes zu nähern und durch ein logisches Begriffssystem alles Wissen begrifflich zu ordnen. Diejenigen, die wie Hegel am liebsten die Anzahl der chemischen Elemente und die Namen der römischen Könige aus der Tiefe ihres Gemütes deduktiv abgeleitet hätten, verfielen dem Fluche des Hamlet, nicht fertig werden zu können. Wenn sie die Karte der Erde fertig hatten, wurde Amerika entdeckt; und Wenn sie unter dem Begriff Planet 5 Sterne verstanden, die Sonne und den Mond dazu nahmen, um glatt die Wochentage danach zu benennen, so kamen neue Fernrohre, und man entdeckte den 6., den 7. und den 8. Planeten.

Die andern Systematiker, die Anti-Hamlet-Naturen, wollten fertig werden um jeden Preis. Sie schufen z. B. die Linnésche Pflanzeneinteilung und glaubten Begriffe zu bilden, wenn sie Kennzeichen angaben. Ebenso könnte man das System, wonach man gegenwärtig Verbrecher wiedererkennen will (indem man ihre Daumenglieder, ihren Schädel nach allen Dimensionen, ihre Ohren und ihre Zehen mißt und sich darauf verläßt, dass keine zwei Individuen unter allen Kategorien zugleich identische Ziffern aufweisen werden), für ein System neuer Begriffe ausgeben und so neue Begriffe und Worte: Zwölfmillimeterdaumennagelmenschen z. B. zu bilden glauben.

Der logische Begriff des Gelehrten verhielt sich zum natürlichen Begriff der alltäglichen Sprache nicht wie das Absolute zum Relativen, sondern höchstens wie eine verbesserte Maschine zu einer ursprünglicheren. Wenn die Platonischen Berichte über die Lehrweise und die Anstrengungen des Sokrates richtig sind, so war Sokrates immer nur einzig bemüht, die Begriffsmaschine zu verbessern, das landläufige Wort zu untersuchen, seine hergebrachte Bedeutung mit den Anschauungen der Zeit zu vergleichen und zu fragen, ob die volkstümlichen Definitionen richtig seien. Sokrates tat also bewußt, was seit Hunderttausenden von Jahren die sprechenden Menschen unbewußt tun: er suchte seine ererbte Sprache seinen erworbenen Kenntnissen anzupassen. Er verbesserte nicht das Wissen, sondern nur das Werkzeug seiner Mitteilung, die Sprache zwischen den Menschen. Er fand, dass die natürlichen Begriffe dem logischen Ideal nicht entsprechen; er sah die Begriffe der Alltagssprache um eine Sprosse tiefer als die Sprosse der Leiter, auf der er schon mit seinem Wissen stand. Er suchte die Sprache emporzuheben, stieg aber zugleich wieder eine Sprosse höher, und die Differenz blieb die alte. Und das wird ewig so bleiben. Und ewig wird der Kletterer nun herunterblicken und oben zu sein wähnen und nicht sehen, dass die Leiter unendlich lang ist und er erst ein kleines Stück erstiegen hat.


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