Zufall und Aufmerksamkeit


Auf die Antwort werde ich geführt durch eines der feinsten Kapitel in L. Geigers "Ursprung und Entwicklung der menschlichen Sprache und Vernunft". Geiger ist freilich selbst nicht ganz sicher. Er weiß noch nicht, dass wir mit Hilfe der Sprache über die Sprache nicht hinausgelangen, dass wir mit unserem Denken nicht aus unserem Kopfe hinauskommen, dass alle mögliche Spekulation doch immer nur Erkenntnispsychologie ist. Aber er ahnt doch den Irrtum Kants, wenn er (I. 235) sagt: "Der Grundirrtum, als ob es widersinnig wäre, zum Zwecke (der) die Erfahrung prüfenden Zergliederung sie selbst zum Werkzeuge zu nehmen, die Verwechselung des Vernunftobjektes mit dem Vernunftsubjekte, hat die Kritik des Denkens in eine unlösliche Verwirrung geführt und den Versuch derselben in der Ausführung fast gänzlich scheitern lassen.'" Wer sich die Mühe nimmt, diesen schwierigen Satz sich auseinanderzulegen, der wird geneigt sein, an Stelle der Kritik der Vernunft eine Kritik der Sprache zu setzen. Und unwillkürlich geht Geiger sofort dazu über, den Zufallsbegriff sprachlich und psychologisch zu erklären. Der Kürze wegen will ich, was er bei diesem Begriffe neu bemerkt hat, gleich in meiner Sprache wiedergeben; denn Geiger weiß wieder nicht, dass seine metaphysische Untersuchung nur sprachlicher Art ist. Seine richtige Bemerkung aber scheint mir zu sagen, dass wir etwas erst dann zufällig nennen, wenn unsere Aufmerksamkeit, unsere Aufmerksamkeit auf den kausalen Zusammenhang nämlich, hingelenkt worden ist. "Zufällig kann eine Tatsache nur in Beziehung zu einer anderen heißen, von welcher sie verursacht werden könnte." Wenn wir das Wort Zufall auf eine Eigenschaft, auf eine Situation, auf ein Ereignis anwenden, so ist vorher jedesmal durch die Natur oder durch den Menschenverstand der Schein erweckt worden, dass diese Eigenschaft, diese Situation, dieses Ereignis einen bestimmten Umstand zur Ursache habe. Unsere widersprechende Gewißheit oder unsere Überzeugung, dass dem nicht so sei, nennen wir nun mit, wenn wir Zufall sagen. Es unternimmt z. B. jemand eine Reise am Freitag und erleidet einen Unfall. Ein Chinese, der den Freitagaberglauben gar nicht kennt, würde nie auf den Einfall kommen, diesen Unfall einen Zufall (dieses accident eine Accidenz) zu nennen. Nämlich nicht in Beziehung auf den Wochentag. Es ist also der Begriff Zufall eigentlich nur eine verneinende Antwort auf die Behauptung eines bekannten Zusammenhangs zwischen dem zufälligen Ereignis und einem anderen Umstände. Eine echte Negation.

War nun der Unfall eine Entgleisung der Eisenbahn, so kann die Antwort, sie sei zufällig gewesen, ganz richtig entweder die Wesentlichkeit oder die Notwendigkeit oder die Absichtlichkeit leugnen. Und die redenden Menschen wissen nicht, dass da Abgründe zwischen den Bedeutungen des gleichen Wortes liegen.

Da hat sich ein Eisenbahnunfall ereignet. Die alte Mutter eines Getöteten, eine Frau aus einem entlegenen Gebirgsdorf, die noch nie eine Eisenbahn gesehen hat, sagt: "Die Eisenbahn ist eine Erfindung des Teufels. Wer auf der Eisenbahn fährt, kommt um." Wenn sie den Aristoteles im Kopfe hätte, so hätte sie das so ausgedrückt: Es gehört zum Wesen einer teuflischen Erfindung, dass die Leute durch sie umkommen. Die Antwort lautet: Nein, es ist ein Zufall gewesen, das heißt es gehört nicht zum Wesen der Eisenbahn, dass die Fahrgäste umkommen.

Der bildungsstolze Zeitungsleser sagt: "Der Brückenpfeiler an der Unglücksstelle war zu schwach; er ist seit Jahren bei jedem Anschwellen des Wassers unterwaschen worden, und so war es nach den Naturgesetzen notwendig, dass der Zug in den Abgrund fiel." Die Antwort lautet: Nein, es war doch ein Zufall, das heißt die Naturgesetze in Ehren und zugegeben, dass jede Lockerung des Pfeilers und die Unaufmerksamkeit des Wächters und die Dunkelheit der Nacht und die besondere Schwere des Zuges jedes für sich einen zureichenden Grund gehabt habe, so bleibt es für die einzelnen Verunglückten dennoch ein bloßer Zufall, dass der Unfall gerade in dieser Stunde stattfand und gerade diese und keine anderen Menschen traf. Denn es besteht kein Kausalzusammenhang zwischen dem lockernden Frost des letzten Winters, zwischen dem Gewitterregen des gestrigen Tages und zwischen dem Krankheitsfall, dessen telegraphische Mitteilung diesen oder jenen Eeisenden gerade in diesen Zug brachte.

Oder der Streckenwächter sagt: "Ich habe zehn Minuten vor dem Unfall die Strecke untersucht, es war alles in Ordnung; es muß ein Verbrechen vorliegen, es muß jemand absichtlich eine Schiene ausgehoben haben." Der Sachverständige antwortet: Nein, es war doch ein Zufall und keine verbrecherische Absicht; denn wir fanden die Schiene durch die Hitze verbogen oder dergleichen.

In allen drei Fällen ist also das Wort Zufall die Negation eines anderen unklaren Begriffes gewesen. Und ich benutze die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, wie die Begriffe Wesen, Notwendigkeit und Absicht ineinander übergehen können. Das alte Weib hält die Todesgefahr für eine wesentliche Eigenschaft der Eisenbahn, weil die Tötung in der Absicht des Teufels liege. Aber auch der Theoretiker, welcher die Notwendigkeit jenes Unfalls, die Notwendigkeit an jenem Orte und zu jener Stunde, aus den Naturgesetzen ableitet, verirrt sich leicht zu der Vorstellung, dass ein unendliches Wissen alles hätte voraussehen können, dass diese Voraussicht in den noch nicht genügend bekannten statistischen Gesetzen verborgen sei, und von da ist es nicht mehr weit zu dem Glauben an ein persönlich wirkendes Fatum. In dem Begriffe eines Gesetzes ist immer eine heimliche Absicht versteckt.

Wir wollen aber den drei Begriffen, denen der Zufallsbegriff entgegengestellt wird, noch einen Spatenstich weiter nachzugraben suchen. Da will es beinahe scheinen, als ob die Absichtlichkeit, die Wesentlichkeit und die Notwendigkeit drei weit auseinanderliegenden Weltanschauungen angehörten, so dass ihr gleichzeitiger Gebrauch nebeneinander zu den merkwürdigen Erscheinungen gehört, als ob vorsintflutliche Tiere für die Bühne eines Tingeltangels abgerichtet worden wären. Warum sollen wir uns aber auch darüber wundern? Leben doch gleichzeitig auf der Erde Seesterne, Elefanten und Menschen, Pilze und veredelte Kosen. Die Untersuchung aber zeigt, dass — in der Geschichte der Sprache oder des Denkens — das Wesentliche nur eine Vorstufe des Notwendigen war.

Vor zwei Jahrtausenden, als der Begriff der allgemeinen Naturnotwendigkeit auch in den besten Köpfen noch nicht vorhanden war und dennoch seine Ahnung, da half sich die philosophische Sprache so, dass die regelmäßigen und nicht wegzudenkenden Eigenschaften eines Dings unter dem Worte für ein Wesen mit gedacht wurden. Als der Begriff der Notwendigkeit aufkam, da hätte man den Begriff der Wesentlichkeit einfach fallen lassen sollen.  



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 
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